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Antidemokraten auf Vormarsch : Was hat uns bloß so ruiniert?

Die amerikanische, in Polen lebende Historikerin und Journalistin Anne Applebaum Bild: picture alliance / Ger Harley / EdinburghElitemedia

Die Journalistin Anne Applebaum analysiert, warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist, welche Rolle die Eliten dabei spielen und wie wir uns gegen rechte Netzwerke zur Wehr setzen können.

          4 Min.

          Es beginnt mit einer Silvesterparty zum Jahrtausendwechsel. Am 31. Dezember 1999 luden die amerikanische Journalistin und Historikerin Anne Applebaum und ihr Mann Radek Sikorski, damals stellvertretender Außenminister der rechtsliberalen polnischen Regierung, ihre Freunde auf ein kleines Landgut in Chobielin, im Nordwesten Polens ein. Es kamen Journalisten aus London und Moskau, junge Di­plomaten aus Warschau, zwei Freunde aus New York. Die meisten der geladenen Gäste aber waren Polen; Konservative, Antikommunisten und Liberale, von denen einige in Wirtschaftsfragen vielleicht eine dezidierte Meinung hatten. Alle aber glaubten selbstverständlich an die Demokratie, an den Rechtsstaat, die Gewaltenteilung, die Nato-Mitgliedschaft Polens, den anstehenden Beitritt des Landes zur Europäischen Union und an ein Polen, das fester Bestandteil des modernen Europas sein sollte.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zwei Jahrzehnte später – so beschreibt es Applebaum in ihrer scharfsinnigen und atemberaubend klar geschriebenen Analyse „Die Verlockung des Autoritären: Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist“ – sei diese Einigkeit längst vorbei. Heute würde sie die Straßenseite wechseln, um einigen der Gäste ihrer damaligen Silvesterparty aus dem Weg zu gehen. Umgekehrt würden diese keinen Fuß mehr über ihre Schwelle setzen und sich sogar schämen, damals mit ihnen gefeiert zu haben – und diese Entfremdung sei nicht privater, sie sei politischer Natur: „Wir stehen auf entgegengesetzten Seiten eines tiefen Grabens, der die einstigen Konservativen Polens, aber auch Ungarns, Spaniens, Frankreichs, Italiens und zum Teil auch Großbritanniens und der Vereinigten Staaten in zwei Lager spaltet“, schreibt Applebaum, zählt sich und ihren Mann zum Lager eines pro-europäischen, marktwirtschaftlichen Konservativismus; andere, denen sie weiterhin nahestehen, zur linken Mitte.

          Menschen, die keine Komplexität aushalten

          Jene, die einen anderen Weg einschlugen, unterstützten nun dagegen die nationalistische Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS), die einen radikalen Gesinnungswandel hinter sich hat, frauenfeindlich, paranoid und unverhohlen autoritär geworden ist. Kaum hatte die PiS 2015 die Wahl mit knapper Mehrheit gewonnen, kaperte sie den staatlichen Rundfunk – beliebte Moderatoren und erfahrene Journalisten wurden entlassen. Die Partei versuchte, den Obersten Gerichtshof neu zu besetzen und Richter zu bestrafen, deren Urteile im Widerspruch zur Politik der Regierung standen. Sie erkor islamische Zuwanderer zur Zielscheibe, was nicht einfach ist in einem Land, in dem es kaum islamische Zuwanderer gibt, und schoss sich auf Homosexuelle ein. Manche der Silvestergäste wurden zu Internettrolls, Verschwörungstheoretikern, Antisemiten. Auch Anne Applebaum, die – unterbrochen von Aufenthalten in London und Washington – seit 1988 in Polen lebt und heute als Kolumnistin für „The Atlantic“ schreibt, wurde als „jüdische Drahtzieherin einer internationalen Pressekampagne gegen Polen“ denunziert.

          Wie konnte das kommen?, fragt sie und stellt dabei klar, dass diejenigen, die sich radikalisierten, nicht zu den wirtschaftlichen Verlierern gehörten, ihre Arbeitsplätze nicht an Zuwanderer verloren, auch nicht Opfer der politischen Revolution nach 1989 waren. Hatten einige ihrer Freunde schon immer eine autoritäre Gesinnung, ohne es nach außen zu zeigen? Oder was steckt hinter dem Umbruch? „Die Verlockung des Autoritären“, das in dieser Woche auf Deutsch erscheint, ist eine Analyse dieses Umbruchs, bei welcher Applebaum sich immer wieder auf die Verhaltensökonomin Karen Stenner bezieht. Stenner kommt in der Persönlichkeitsforschung zu dem Ergebnis, dass rund ein Drittel der Bevölkerung jedes beliebigen Landes eine autoritäre Veranlagung habe, die sich nach Homogenität und Ordnung sehne und auch latent vorhanden sein könne, ohne sich zu äußern: Menschen, die keine Komplexität aushalten und offen ausgetragene Meinungsverschiedenheiten nicht ertragen. Ihnen gegenüber stehen Menschen mit einer freiheitlichen Veranlagung, die Vielfalt und Unterschiede bevorzugen – wobei die Begriffe nicht deckungsgleich mit politisch „rechts“ und „links“ seien, es also um eine Geisteshaltung, nicht um gedanklichen Inhalt gehe.

          Die bloße Existenz von Menschen mit einer Schwäche für Demagogen oder Diktaturen, so die Historikerin, sei aber noch keine Erklärung für deren Erfolg. Diktatoren wollten herrschen, sie müssen dazu allerdings den empfänglichen Teil der Öffentlichkeit erreichen. Im alten Rom ließ Caesar Büsten von sich anfertigen. Autokraten von heute beauftragten dagegen die modernen Pendants der alten Bildhauer: Autoren, Intellektuelle, Blogger, Meinungsmacher, Fernsehproduzenten und Memeschöpfer, die der Öffentlichkeit ihr Bild verkauften. Sie bräuchten Leute, die Unruhen anzetteln, und Juristen, die Verfassungsbruch als Gebot verkaufen könnten. „Sie benötigen Angehörige der Bildungselite, die ihnen helfen, einen Krieg gegen die übrigen Angehörigen der Bildungselite vom Zaun zu brechen, selbst wenn es sich dabei um ihre Kommilitonen, Kollegen und Freunde handelt.“

          „Clercs“, Kleriker und Schreiber, nennt Anne Applebaum diese autoritären Eliten. Und schildert in ihrem Buch Biografien solcher „Clercs“ (von denen einige einmal ihre Freunde waren) und die neuen Realitäten, die sie erschaffen. Sie beginnt in Polen mit Jacek und Jarosław Kurski, die in Danzig zur Welt kamen, die Mutter Anwältin und Richterin in der Gewerkschaftsbewegung Solidarność. Auch die Söhne engagierten sich. Jarosław wurde 1989 Pressesprecher von Lech Wałesa, dem Vorsitzenden der Solidarność, verabschiedete sich aber später aus der Politik, um sich der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ anzuschließen. Jacek schlug den entgegengesetzten Weg ein, wandte sich gegen Wałesa, vermutlich, weil dieser ihm nicht die Position zudachte, die er verdient zu haben glaubte, wurde von Wut getriebener Spezialist für „schwarze PR“ – und vom politischen Rand 2015 an die Spitze des nationalen Fernsehens befördert.

          Applebaum geht weiter und erzählt, wie sie den heutigen britischen Premier Boris Johnson vor langer Zeit an einem Abend in Brüssel kennenlernte, als Johnson Brüssel-Korrespondent des „Daily Telegraph“ war, wo seine Artikel Titel wie „Gefahr für das britische Frühstückswürstchen“ trugen und (falsche) Gerüchte verbreiteten, nach denen die Eurokraten Doppeldeckerbusse oder Kartoffelchips mit Krabbencocktailgeschmack verbieten wollten. Artikel, die so erfolgreich waren, dass andere Chefredakteure ähnliche Geschichten von ihren Brüssel-Korrespondenten verlangten, die Boulevardpresse mit einstieg – womit sie das Misstrauen gegen die EU weiter schürten, was viele Jahre später den Weg zum Brexit ebnete.

          Sie blickt auf die „Clercs“ in Ungarn, Spanien und in den Vereinigten Staaten; darauf, wie diese Fangruppen auf Whatsapp oder Telegram aufbauen und sich – das ist das düstere Szenario, in das ihre Analyse mündet – vernetzen. Die Nationalismen seien längst nicht mehr durch die Grenzen der Geschichte getrennt. Sie kooperieren gezielt, um falsche Erzählungen durchzusetzen, Wut und Angst zu schüren. Alto Data Analytics aus Madrid heißt der Datenauswerter, den sie vorstellt und dessen Ergebnisse die Politologie sich zum Gegenstand machen müsse, um genau diese Vernetzungen nachzuvollziehen, damit politische Akteure sich zur Wehr setzen können. „Vielleicht werden wir auf dem Weg durch die Finsternis feststellen, dass wir ihnen gemeinsam widerstehen können“, schreibt sie beschwörend ganz am Schluss. Es fällt einem fast schwer, ihr zu glauben. Denn daran, dass es sehr finster aussieht, lässt ihre Analyse keinen Zweifel.

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