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André Müller : Ich will selbst etwas sagen

  • -Aktualisiert am

Schrieb die besten Feuilleton-Shows: Der österreichische Journalist und Schriftsteller André Müller Bild: Jan Roeder

Jahrelang haben ihm die Menschen Dinge gesagt, die sie vorher nicht mal gedacht hatten. Aber André Müller, der schwerkranke Gesprächskünstler, will jetzt nur noch schreiben - und leben.

          Am Ende sind seine Gesprächspartner immer verzweifelt, denken an Selbstmord, bekennen, sie hätten eigentlich schon immer an Selbstmord gedacht. Denn das Leben ist ja unmöglich im Grunde, eine Zumutung für den denkenden Menschen, und alles ist lächerlich, wenn man an den Tod denkt. So reden die Menschen, wenn sie mit André Müller reden, dem großen Interviewkünstler, der jedes Gespräch als ein Theaterstück inszeniert, ein Drama über die letzten Dinge, über Verzweiflung, den Wahnsinn und den Tod.

          Sie sagen Dinge, die Menschen, mit denen André Müller redet, die sie noch nie zuvor gesagt haben. Manche haben sie vorher noch nicht einmal gedacht. Das hatte dann oft zur Konsequenz, dass die Interviewten nach dem Gespräch verzweifelt versuchten, an die Bänder zu kommen und den Abdruck des Interviews zu verhindern. Bei Henry Maske war das so, bei Erika Pluhar und einigen anderen.

          „Auch Tote freuen sich über gute Honorare“

          Das Pluhar-Interview hatte Müller für das F.A.Z.-Magazin geführt, sie wandte sich empört an die Redaktionsleitung, forderte die Bänder zurück, Müller weigerte sich, die Zeitung kündigte daraufhin die Zusammenarbeit mit Müller. Das Interview erschien in der „Zeit“, für die er später die meisten Interviews führen sollte, und Pluhar war begeistert, ließ es auf Programmzetteln ihrer Tournee drucken und nannte es das Klügste und Beste, was je über sie und von ihr geschrieben wurde. Das ist die André-Müller-Kunst. Durch Reden, durch Zuhören, durch Fragen ein Gedankenkunstwerk errichten. Er ist das Medium, der Befragte ist der König, ein Genie des Augenblicks.

          Schauspielerin Erika Pluhar wollte zunächst, dass André Müller die Bänder zurückgibt. Dann entscheid sie sich anders

          Heute führt André Müller keine Interviews mehr. Sein letztes ist vor einem halben Jahr hier in dieser Zeitung erschienen, mit Luc Bondy. Sie sprachen über den Tod, das Lachen und den Krebs, an dem Bondy erkrankt war. Müller hatte da schon die gleiche Krankheit, aber er wusste es noch nicht. Als wir dann per Mail über das Honorar verhandelten, teilte er die Diagnose wie nebenbei mit: Morgen werde er operiert, aber „auch Tote freuen sich über gute Honorare“. Das Müller-Lachen - im Angesicht des Todes und der Angst.

          Seine Nase sieht ein wenig aus wie die von Thomas Bernhard

          Wir treffen uns mittags in der Kantine des Prinzregententheaters in München. Müller ist groß und mager, ein Chemo-Zyklus liegt gerade hinter ihm, als später der Fotograf dazukommt, sagt er nur: „Wie Sie sehen: ich bin todkrank, also nicht, dass mir das was ausmacht, aber man soll es auf dem Foto nicht zu deutlich sehen.“ Er spricht ein schönes, weiches Wienerisch, obwohl er seit vielen Jahren in München lebt. Seine Nase sieht ein wenig aus wie die von Thomas Bernhard, überhaupt wirkt sein ganzes Wesen sehr bernhardhaft.

          Er lacht viel und am meisten, wenn wir über den Tod sprechen. Nein, er hänge nicht am Leben, aber „ich finde die Sterblichkeit eine Frechheit“, sagt er. „Ich finde die Frechheit nicht, dass wir sterben, sondern dass wir's wissen, dass wir klüger sind, als wir eigentlich sein dürften, das ist nicht zum Aushalten. Dass wir es trotzdem aushalten, ist mir ein Rätsel, also, dass wir uns nicht umbringen.“

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