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Joan Didion, mitten in den Sixties Bild: Netflix

Joan Didion : Die letzte Erwachsene der Gegenwart

Die amerikanische Autorin Joan Didion hat es wie keine andere geschafft, hinter die Geheimnisse unserer Zeit zu schauen. Das Geheimnis ihrer eigenen Anziehungskraft bleibt das größte von allen.

          8 Min.

          Der wichtigste Satz, den Joan Didion je geschrieben hat, oder jedenfalls der Satz, mit dem sie in Erinnerung bleiben wird, fällt gleich auf der ersten Seite. Es ist sogar der erste Satz dieses Buchs. Das Buch heißt „Das weiße Album“, erschienen 1979: eine Sammlung von Reportagen und Texten aus Magazinen und Zeitungen, die zum Teil schon mehr als zehn Jahre alt waren, als sie hier noch einmal gebündelt erschienen, und die größtenteils aus einer Zeit stammten, Ende der Sechzigerjahre, als Joan Didion zum Star des amerikanischen „New Journalism“ aufstieg.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mit Texten über die gesellschaftliche Umbruchsperiode der Sechziger- und Siebzigerjahre, mit Porträts von Prominenten, Kriminalgeschichten und Szenen aus der kalifornischen Lokalpolitik, aus denen Didion das größere Ganze ableiten und in ein anderes, tieferes Licht setzen konnte. „Das weiße Album“ versammelte diese Texte also, verdichtete sie und machte ihre Wucht damit umso größer. Und der eine Satz, mit dem das Buch begann und Didions Sonderstatus für die Ewigkeit festschrieb, lautet:

          „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“

          Es ist der Signal-Satz von Joan Didion, ihr „Nennt mich Ismael“, ihr „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“, stilistisch wie inhaltlich. Es ist die Erkennungsmelodie ihrer verführerisch mürben, melancholischen Spätnachmittags-auf-einer-amerikanischen-Veranda-Prosa. Es ist der Satz, der seither auch immer wieder als Motto vor den ersten Sätzen anderer Bücher anderer Autorinnen und Autoren gestanden hat: als Referenz. Als Rückversicherung. Als Freibrief, überhaupt erzählen zu dürfen, weil das allein, „Erzählen“, ja offenbar schon lebenserhaltend und gemeinschaftsbildend war, Joan Didion hat’s doch gesagt.

          „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“: Das ist eine Beschwörungsformel, ein Legitimationsschreiben, ein Facebookprofil-Superhit. Man findet diesen Satz auf hundert Millionen Google-Seiten zitiert – und auch in anderen Reportageklassikern der amerikanischen Literatur, die weit entfernt von Joan Didions Heimat Kalifornien spielen: im dramatischen Mount-Everest-Bergsteigerdrama „In eisigen Höhen“ von Jon Krakauer beispielsweise. „We tell our­selves stories in order to live“: Dieser Satz, könnte man sagen, ist der Mount Everest des „New Journalism“.

          Drei epochale Werke

          Im Dezember 2021 ist Joan Didion in New York gestorben, im Alter von 87 Jahren. Sie litt, wie inzwischen bekannt geworden ist, zuletzt an der Parkinson-Krankheit. In diesem September bringt ihr deutscher Verlag Ullstein „Das weiße Album“ auf Deutsch neu heraus. Und gleichzeitig auch den zweiten epochalen Sammelband der Autorin, „Slouching Towards Bethlehem“ von 1968, eine ganz ähnliche, aber frühere Sammlung von Texten – über den Westernhelden John Wayne, über die Folkheldin Joan Baez, über das Kalifornien vor den Hippies, über ihr, Joan Didions, ganz privates Kalifornien.

          Seit einiger Zeit schon erschließt Ullstein das Werk der amerikanischen Reporterin und Schriftstellerin und Drehbuchautorin für das deutsche Publikum nach und nach – und seitdem der Verlag das tut, übersetzt die Schriftstellerin und Buchpreisträgerin Antje Rávik Strubel Didions Bücher. Im Jahr 2006 hatte Strubel das dritte der epochalen Werke Joan Didions übersetzt, „Das Jahr des magischen Denkens“: ein Essay über Sterben und Verlust und Trauer.

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