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Karibische Schriftstellerin : Leben auf vier Kontinenten

  • -Aktualisiert am

Schwierige Beziehung zur karibischen Heimat: Guadeloupe hat eine Geschichte, die von Sklaverei und Rassismus geprägt ist. Bild: AFP

Der Literaturnobelpreis fällt aus, doch am morgigen Sonntag wird in Stockholm ein Ersatzpreis verliehen. Wer ist Maryse Condé, die Preisträgerin aus Guadeloupe?

          Am morgigen Sonntag wird in Stockholm ein Ersatzpreis verliehen – Ersatz immerhin für den ausfallenden Literaturnobelpreis. Dadurch hat die Auszeichnung große symbolische Bedeutung, obwohl sie undotiert ist. Um aber zu verstehen, wer da geehrt wird, muss man woanders hinblicken als nach Stockholm.

          Auf der Place de la Victoire im Herzen der Altstadt von Pointe-à-Pitre steht ein kleiner achteckiger Musikpavillon, der in die Literaturgeschichte Guadeloupes eingegangen ist. Die Schriftstellerin Maryse Condé, 1937 in der Hauptstadt der französischen Karibik-Insel geboren, formulierte es bei einem Treffen an jenem Pavillon einmal so: „Hier haben sich die Wege meiner Mutter und meiner Großmutter getrennt. Hier begann die Suche nach meiner eigenen Herkunft.“ Kurz zuvor war ihre Roman-Biographie über die Großmutter erschienen. „,Victoire‘ ist mit Abstand das schmerzvollste meiner Bücher“, stellte die mitunter unerschütterlich wirkende Autorin versonnen fest.

          Hochmut als Mittel sozialer Distinktion

          Victoire, eine Kreolin aus einfachsten Verhältnissen, hatte ein paar Straßen entfernt als Köchin bei einer weißen Familie der Zuckerrohr-Bourgeoisie gearbeitet. „Als Victoire 1890 mit ihrer Dienstherrin erstmals ein öffentliches Konzert hier im Pavillon besuchte, war das ein Skandal, über den man am nächsten Tag in der Zeitung lesen konnte!“, so Condé. Victoires Tochter Jeanne, die Mutter der Autorin, sah ihre Mutter achtzehn Jahre später mit deren Arbeitgebern abermals am Pavillon sitzen und ignorierte diese „stumpfsinnige Vasallin“ demonstrativ, weil sich die Köchin noch immer den einstigen Sklavenhaltern unterordnete. Als eine der ersten schwarzen Gymnasiallehrerinnen der Insel war Hochmut für Condés Mutter das einzige wirksame Mittel sozialer Distinktion.

           Jeder Mensch hat eine Herkunft. Aber „viel wichtiger ist es, man selbst zu sein, dort, wo man ist, die eigene Stimme und den eigenen Weg zu kennen“, sagt Maryse Condé.

          Die obsessive Verachtung ihrer Eltern gegenüber jedem, der sich nicht zum aufstrebenden farbigen Bildungsbürgertum zählte, stellt sich im Rückblick als Leitmotiv von Condés Literatur und Identitätssuche heraus. Mit sechzehn Jahren ging die ebenso talentierte wie aufmüpfige Schülerin zum Studium nach Paris. Aimé Césaires „Rede über den Kolonialismus“ und Frantz Fanons „Schwarze Haut, weiße Masken“ erschütterten ihr Selbstverständnis: „Ich entdeckte, dass meine Wurzeln in Afrika sind und ich wie eine weiße Französin erzogen worden war, von Eltern, die blind waren für diesen Konflikt. Wir Schwarzen dachten: Frankreich will uns nicht, wir sind keine echten Franzosen, also gehen wir. Uns hat damals der Mut gefehlt, die koloniale Lüge beim Wort zu nehmen.“

          Anfeindungen gegen die gebildete Kreolin

          Die Suche nach den Wurzeln ihrer Vorfahren aus der Sklavenzeit mündete in einer herben Enttäuschung. Mehr als zehn Jahre verbrachte Condé als Französischlehrerin in Westafrika und erlebte im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung extreme Armut und politisches Chaos: „In Guinea hielt der Diktator Sikou Touré im Radio Sonntagsreden über die marxistische Revolution, während die Menschen massenweise an Hunger starben.“ Diese Erlebnisse prägen ihre Erinnerung an das Land, in dem sie heiratete und vier Kinder bekam, nachhaltig. „Ich versuchte, Guineerin zu sein, Afrikanerin zu werden. Es ist mir nicht gelungen.“ Die rassistischen Anfeindungen, denen sie als gebildete alleinerziehende Kreolin in Afrika ausgesetzt war, und die Forderung, sich in eine traditionell geprägte Gesellschaft zu integrieren, empfand Condé als absurde Zumutung.

          Nach ihrer Dissertation über „Schwarze Stereotype in der karibischen Literatur“ lehrte sie in den siebziger Jahren an der Sorbonne. Eine dunkelhäutige Dozentin an der altehrwürdigen Institution, das sorgte damals noch für Aufsehen; die streitlustige Auflehnung gegen auferlegte Identitätsmuster wurde mehr denn je zu Condés Triebfeder. Mit ihrem Romandebüt „Heremakhonon – Warte auf das Glück“ verfasste die frühere Marxistin schließlich im Alter von einundvierzig Jahren eine kaum verschlüsselte Anklage gegen das totalitäre Regime in Guinea. Ihr zweibändiges Mali-Epos „Segu“, mit dem sie erstmals ihre Meisterschaft in der atmosphärisch dichten Erzählung komplexer geschichtlicher Zusammenhänge bewies, machte Condé 1984 dann als Autorin berühmt. Ein Jahr später trat sie einen Lehrauftrag an der Columbia University in New York an. Acht ihrer einundzwanzig Romane sind seither auf Deutsch erschienen, darunter „Insel der Vergangenheit“ über die Verwerfungen der postkolonialen Gesellschaft Guadeloupes und „Ich, Tituba, die schwarze Hexe von Salem“ über eine rassistische Hexenverfolgung in Neuengland.

          Mit ihrer geistigen Unabhängigkeit hat sich Condé nicht nur Freunde gemacht, was die mittlerweile Einundachtzigjährige kaum anficht: „Zwischen mir und Guadeloupe, das ist eine schmerzvolle Beziehung“, erklärte sie einmal im Gespräch mit dem Filmemacher Raoul Peck: „Es dürfte klar sein, dass ich nicht zu bedingungsloser Bewunderung neige. Die Wahrheit der Schriftsteller muss weh tun und verletzen, um so auf den Grund der Dinge vorzudringen.“ Der alternative Literaturnobelpreis versöhnt nun, so scheint es, die heute zurückgezogen in Südfrankreich lebende Autorin mit ihrer karibischen Heimat. Die symbolische Ehrung teilt Condé jedenfalls „vor allem mit allen Menschen auf Guadeloupe, ich wiederhole: mit allen Menschen auf Guadeloupe!“ In ihrem Leben zwischen vier Kontinenten habe sie irgendwann bemerkt, dass die eigene Herkunft keine Rolle spiele: „Viel wichtiger ist es, man selbst zu sein, dort, wo man ist, die eigene Stimme und den eigenen Weg zu kennen.“ Maryse Condés Leben und Literatur, die immer mehr zu einer schillernden Einheit verschmolzen sind, lassen daran keinen Zweifel.

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