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„Also sprach Zarathustra“ : Der Muthmacher

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Nach der Lektüre seiner Dithyramben halten wir mehr für möglich als zuvor: Friedrich Nietzsche. Bild: Imago

Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ spielt in Martin Walsers Leben und Schaffen eine tragende Rolle. Als Schriftsteller verehrt er Nietzsche und wagte sich nie über ihn zu schreiben. Nun schreibt Walser mit ihm.

          Ich habe über einige Autoren Aufsätze geschrieben, über Nietzsche nie.

          Mit den Wörtern achten, hochachten, bewundern, verehren, lieben kann ich einteilen, was ich als Leser erlebe. Ich liebe keinen Autor, ohne ihn zu verehren. Es kann vorkommen, dass ich einen Autor verehre, ohne ihn zu lieben.

          Ich verehre und liebe sozusagen immer schon Hölderlin, Kafka, Robert Walser, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche. Autoren, die ich in Übersetzungen lesen muss, kann ich verehren, aber zur Liebe gehört ein Spracherlebnis, das durch keine Übersetzung zu leisten ist. Ich verehre Swift, Dostojewski, Proust, Strindberg, Shakespeare, Cervantes, Homer, Kierkegaard.

          Ich habe mit denen, die ich verehre und liebe, lebenslängliche Geschichten.

          Im Jahr 1943 gab es in Lindau eine „Auswahl aus dem Werk Friedrich Nietzsches“ zu kaufen. Von 203 Seiten 45 Seiten „Zarathustra“. Der Rest, eine auch den Sechzehnjährigen sofort langweilende tendenziöse Bündelung von Schaufenster-Weisheiten. „Beruf. - Ein Beruf ist das Rückgrat des Lebens.“ Oder: „Die Größe soll nicht vom Erfolge abhängen.“ Ich habe damals nur Zarathustra-Stellen angestrichen. Dem Zarathustra-Ton bin ich sofort und, wie sich dann herausstellte, für immer verfallen. Zum Beispiel: „Das Nachtlied. Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.“ Daraus wurde bei mir immerhin ein Romantitel. Alles, was Zarathustra singt und sagt, ist feierlich, anmaßend, betörend, zärtlich, rücksichtslos, verletzend, heilend. Was Zarathustra singt und sagt, ist, was du brauchen kannst. Das ist die wirkliche Kraft dieser Dichtung, du kannst damit machen, was du kannst. Du kannst bloß genießen. Du kannst dich erheben lassen in Höhen, in denen du nicht zuhause bist. Du kannst diese Sprache nicht lesen wie eine Mitteilung. Zarathustra ist ein großer Tänzer, und du bist unwillkürlich aufgefordert, mitzutanzen.

          Die Nähe der Pfarrerssöhne

          Ich weiß nicht, wie oft ich mich auf Zarathustra eingelassen habe. Man zählt ja auch nicht, wie oft man die „Winterreise“ gehört hat. Dann jahrzehntelang diese Peinlichkeit: „Gott ist tot“. Nietzsches am häufigsten zitierter Satz. Und ich mit meiner nicht erlöschen könnenden katholischen Kindheit. Ewig flatterte dieser Nietzsche-Satz vor mir her und machte mich ratlos. Der Autor, der mir am meisten galt, verkündet: Gott ist tot. Ich hatte immer das Gefühl, dieser Satz sei unter Nietzsches Niveau. Dass Nietzsche bisweilen lustvoll unter seinem Niveau agiert, wusste ich ja. Trotzdem: gottlos!? Das war doch zu simpel für diesen Ausbund der Feinheit. Also: Gott ist tot als eine Verlegenheit bis zu dem Tag, an dem ich Karl Barths Buch „Der Römerbrief“ las. Ein Buch, das in der Welt des Gedruckten nur eine Verwandtschaft hat: Nietzsches „Zarathustra“.

          Es scheint mir erwähnenswert zu sein, dass beide, Nietzsche und Karl Barth, Pfarrerssöhne sind. Und dass Gott tot sei, heißt bei Karl Barth: „ Als der unbekannte Gott wird Gott erkannt ... Als der, an den man nur ohne Hoffnung auf Hoffnung glauben kann.“ Und glauben, heißt es auch bei ihm, ist „der Sprung ins Leere“.

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