https://www.faz.net/-gr0-9n9vb

Tiger, Kater, rosa Kaninchen : Kinderbuchautorin Judith Kerr gestorben

  • Aktualisiert am

Judith Kerr, geboren am 14. Juni 1923 in Berlin, gestorben am 22. Mai 2019 in London, im Mai 2003 in ihrem Studio in London Bild: dpa

Einige ihrer Bilderbücher sind Klassiker geworden, doch ihr größter Erfolg war eine Geschichte, aufgeschrieben allein, weil sie sie selbst erlebt hatte: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Im Alter von 95 Jahren ist Judith Kerr gestorben.

          Die deutsch-britische Kinderbuchautorin Judith Kerrist tot. Das teilte ihr Verlag in Großbritannien, Harper Collins, an diesem Donnerstag mit. Kerr wurde 95 Jahre alt.

          Anne Judith Kerr wurde am 14. Juni 1923 in Berlin als Tochter des bekannten deutsch-jüdischen Schriftstellers, Essayisten und Theaterkritikers Alfred Kerr (1867-1948) geboren. Ihr Vater rief bereits lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zur Einigkeit unter Linken und Demokraten auf und musste 1933 Deutschland verlassen. Über die Schweiz und Paris emigrierte die Familie 1935 nach London. Hier setzte Alfred Kerr seine schriftstellerische Arbeit fort. Seine Warnungen vor Hitler und den Nationalsozialisten sind unter anderem in dem Band „Diktatur eines Hausknechts“ (1934) versammelt. Judith Kerrs Mutter Julia arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg im besetzten Berlin als Übersetzerin für die Amerikaner, der zwei Jahre älterer Bruder Michael wurde 1972 mit der Berufung an den High Court of Justice einer der höchsten britischen Richter und verstarb 2002.

          Judith Kerr arbeitete nach ihrem Schulabschluss in England zunächst von 1941 an für das Rote Kreuz in London, wo sie verwundete britische Soldaten behandelte, ehe sie mit einem Stipendium ab 1945 für drei Jahre an der Londoner Central School of Arts and Crafts studierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sie zunächst als Lehrerin und Textildesignerin, bevor sie von 1953 bis 1958 als Redakteurin und Lektorin für die britische Rundfunkgesellschaft BBC arbeitete, wo sie ihren späteren Mann Nigel Kneale kennenlernte. Zu ihren Aufgaben beim BBC gehörte das Prüfen von Theaterstücken und die Übersetzung französischer und deutscher Texte, zudem entwarf sie eine Serie für Kinder.

          Das unselige Schuldgefühl den Eltern gegenüber

          Nach der Geburt ihrer Kinder gab Judith Kerr ihre Arbeit zunächst auf, begann jedoch in den späten sechziger Jahren mit dem Schreiben und Illustrieren von Kinderbüchern. Ihr Debüt „The Tiger Who Came to Tea“ aus dem Jahr 1968 avancierte in Großbritannien rasch zum Kinderbuchklassiker, blieb in Deutschland jedoch, obwohl mehrfach verlegt, zuletzt 2012 unter dem Titel „Ein Tiger kommt zum Tee“, eher unbekannt.

          Auf dem Titelbild der amerikanischen Ausgabe von „When Hitler Stole Pink Rabbit“ musste das in Deutschland gebliebene rosa Kaninchen die Hakenkreuzfahne tragen.

          International bekannt wurde Kerr durch ihre autobiographisch gefärbten Jugendbücher. Im mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichneten Weltbestseller „When Hitler Stole Pink Rabbit“ aus dem Jahr 1971, in deutscher Übersetzung 1973 unter dem Titel „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ veröffentlicht, schildert sie die Flucht der Familie, den Aufenthalt in der Schweiz und in Paris sowie die ersten Jahre in London bis an die Schwelle des Zweiten Weltkrieges. Eigenem Bekunden zufolge schrieb sie das Buch in einer doppelten Intention: als knappen, nicht überfrachteten Bericht für die eigenen Kinder und in der Absicht, „das unselige Schuldgefühl den Eltern gegenüber abzutragen“.

          Flucht, Exil, Rückkehr

          Die Art und Weise, wie Judith Kerr ihr privates Kinderschicksal zu einem historischen Exempel machte, ließ den Roman ein Standardwerk der Jugendliteratur und zugleich einen Klassiker in der Emigrantenliteratur werden. 1978 sendete der WDR „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ als Fernsehfilm nach einem Drehbuch von Kerrs Ehemann. Obwohl auch der Film mit Martin Benrath beste Kritiken erhielt, war die Autorin selbst nicht ganz zufrieden mit der Filmfassung – sie selbst bevorzugte ein von der BBC produziertes Hörbuch.

          Weitere Themen

          Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“? Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Tolkien“ : Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“?

          Im Biopic „Tolkien“ erfährt der Zuschauer, woher der Schöpfer von „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ seine Ideen für die weltbekannten Mittelerde-Romane nahm. Tilman Spreckelsen hat den Film bereits gesehen – und ist nicht ganz überzeugt.

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

          Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

          Shanahan scheidet aus : Nächster Wechsel an der Spitze des Pentagons

          Der kommissarische Verteidigungsminister Patrick Shanahan zieht sich aus dem Nominierungsprozess zurück, wie Präsident Trump auf Twitter verkündet. Die Leitung des Pentagons übernimmt der bisherige Verwaltungschef des amerikanischen Heeres.

          May-Nachfolge : Boris Johnson bleibt haushoher Favorit

          Boris Johnson zieht mit 126 der 313 Stimmen aus der Tory-Fraktion in die nächste Wahlrunde. Der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab verfehlt die Hürde von 33 Stimmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.