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Alina Bronsky im Gespräch : Zurück in die Todeszone

  • -Aktualisiert am

Alina Bronsky im Volkspark Schöneberg. Bild: Julia Zimmermann

Wird Tschernobyl in ihrem Buch nicht verniedlicht? Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Alina Bronsky über russische Verhältnisse, alte Frauen und ihren neuen Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“.

          Alina Bronskys Geschichte geht so: 1978 geboren zieht sie mit 13 Jahren aus Russland nach Deutschland, spricht kein Wort Deutsch, drei Jahre später schreibt sie für eine Zeitung in Darmstadt, wiederum 14 Jahre später erscheint ihr Debütroman „Scherbenpark“, den sie als Manuskript unaufgefordert beim Verlag eingesandt hat. Er wird zu einem Bestseller und fürs Kino verfilmt. In den Jahren darauf schreibt Bronsky zwei weitere Romane, ihr neuester, „Baba Dunjas letzte Liebe“, erzählt von einer Frau, die ihr Leben im Alter anpacken und selbstbestimmt leben will, was in ihrem Fall alles andere als einfach ist: Sie kehrt dafür in ihr Heimatdorf zurück, das im kontaminierten Gebiet nahe Tschernobyl liegt. Bronsky hat vier Kinder und lebt mit dem Schauspieler Ulrich Noethen in Berlin.

          Es macht Spaß, Ihr Buch zu lesen, weil es so böse und zugleich herzensgut ist, genauer: Ihre Protagonistin Baba Dunja.

          Ich liebe an ihr besonders - und ich spreche wirklich von lieben, weil ich das Gefühl habe, sie ist ein eigenständiges Wesen und nicht meine Erfindung -, dass sie ihr bisheriges Leben so losgelassen hat. Komplett. Auch ihre Kinder, die inzwischen erwachsen sind. Sie mischt sich nicht ein. Das ist untypisch für jemanden aus der Ukraine oder Russland, wirklich unrussisch.

          Es ist „unrussisch“, dass jeder sein eigenes Leben führt?

          Absolut. Jedenfalls dann, wenn es um Liebe geht.

          Wie kann man sich das also vorstellen, das russische Familienleben?

          Eltern tendieren dazu, mit dem Leben ihrer Kinder verschmelzen zu wollen. Die Zuneigung ist natürlich echt und aufrichtig und leidenschaftlich, aber sie geht mit einer ständigen Missachtung von Grenzen einher.

          Die Umarmung ist fest.

          Erdrückend manchmal. Und es ist natürlich politisch total unkorrekt, ein solches Klischee zu äußern.

          Sie sehen sehr fröhlich aus, während Sie das sagen.

          Ich musste mir schon öfter anhören, dass ich in meinen Büchern mit Klischees spiele und politisch unkorrekt bin. Da ist sicher was dran - stört mich aber nicht. Letzteres ist ja auch eher ein Kompliment.

          Noch mal kurz zur Umarmung - ist das in Ihrer Familie auch so?

          Jein. Meine Eltern und ich stehen uns sehr nahe, aber ich habe schon das Gefühl, dass wir auch von europäischen Freiheitswerten geprägt sind.

          Der Begriff „europäische Freiheitswerte“ fällt total raus aus Ihrer Art zu erzählen, er klingt so nach Fachsprache und Schreibtisch.

          Vielleicht, weil es doch ein bewusster Prozess war, uns dieses respektvolle Verhältnis innerhalb der Familie zu schaffen.

          Sie selbst haben vier Kinder, im Alter zwischen sechzehn und einem Jahr.

          Und das Thema Grenzen und Respekt ist täglich an der Tagesordnung. Mit einem Baby verschmilzt man am Anfang ja automatisch. Bei größeren Kindern muss man sich als russischstämmige Mutter manchmal geradezu zwingen, loszulassen.

          Fehlt Ihnen Ihre Heimat?

          Den Begriff Heimat finde ich sehr abstrakt. Mein Russland, der Ort meiner Kindheit, ist ein virtuelles Russland. Ich beschäftige mich gern mit dem heutigen Russland, beobachte aus der Distanz, habe aber keinerlei Sehnsucht, dorthin zurückzukehren, wo ich aufgewachsen bin. Es wäre für mich keine unbelastete Reise, weil fraglos viele Dinge, die ich mit meiner Kindheit verbinde, nicht mehr da sind. Da fahre ich lieber an Orte, die gar nichts mit meinem Leben zu tun haben.

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