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Alina Bronsky im Gespräch : Zurück in die Todeszone

  • -Aktualisiert am

Die größte ist vielleicht die Selbstüberschätzung und das Warten auf Dank oder Anerkennung. Zu denken, dass es unglaublich wichtig ist, was man tut. Oder gleich frustriert einfach hinzuschmeißen, anstatt seine Aufgaben gut, aber in Bescheidenheit zu erfüllen.

Noch einmal zu Baba Dunja und dem Leben in der Todeszone, zu dem Dorf, in dem sich in Ihrer Geschichte so seltsame tolle Leute versammeln, in dem die Vögel lauter singen und die Spinnen Netze spinnen, wie man sie sonst nirgends findet. All das, wie Sie es erzählen, verniedlicht Tschernobyl natürlich auch.

Den Vorwurf finde ich ungerecht.

Wie würden Sie es nennen?

Meine Ich-Erzählerin verharmlost, das ja. Aber so ist das Leben der Rückkehrer, sie leben mit Tschernobyl. Natürlich rückt die Gefahr in den Hintergrund, wenn man ständig damit lebt. Strahlung ist ja auch besonders perfide. Man kann sie mit Händen nicht greifen, man spürt sie nicht.

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Haben Sie für das Buch in der Ukraine recherchiert?

Ich stehe jetzt plötzlich wie eine Strahlungsexpertin da, die ihren Urlaub an den Ausläufern der Todeszone verbringt. Aber all das habe ich natürlich nie gemacht: War nie vor Ort, habe dort nie recherchiert. Dafür bin ich nicht mutig genug, tut mir leid. Ich habe auch keine einzige persönliche Erfahrung in Zusammenhang mit Tschernobyl. Dort, wo ich aufgewachsen bin, in Jekaterinburg am Rande des Uralgebirges, wurde darüber geschwiegen. Was damals geschehen ist, hat sich mir erst erschlossen, nachdem wir nach Deutschland umgezogen waren.

Alina Bronsky ist Ihr Pseudonym, für das Sie sich mit der Veröffentlichung Ihres Romans „Scherbenpark“ entschieden, der die Geschichte der 17-jährigen Sascha erzählt, die aus Moskau nach Deutschland gekommen ist und zwei Dinge vorhat: ein Buch zu schreiben und einen Mann umzubringen, Vadim, der mit ihrer Mutter zusammen war und diese ermordet hat.

Ich hatte das Gefühl, diese Trennung von Privatleben und meinem Schreiben sei wichtig, damit meine Familie geschützt ist vor Ablehnung und möglichen Konsequenzen, die das Buch nach sich ziehen könnte.

Sascha spricht verächtlich von Russlandemigranten, „die auch nach Jahren in Deutschland kaum mehr als 20 Worte auf Deutsch sagen können, darunter nur solche wie Bus, Kartoffel, Butter, Müll, kochen, waschen, fick Dich“.

Ich wollte nicht, dass meine Kinder mit Leuten konfrontiert sind, die sich über die blöde Kuh ärgern, die Russlanddeutsche verunglimpft und jetzt auch noch Tschernobyl verniedlicht.

Dass ich von Verniedlichung gesprochen habe, ärgert Sie.

Nein, im Ernst, Sie dürfen als Leser sehr gern denken, was Sie wollen.

Fühlt sich das Pseudonym heute wirklich noch so dringend an?

Nein. Es ist etwas umständlich. Vor allem beim Reisen. Jetzt habe ich es zum ersten Mal in meinen Ausweis eintragen lassen. Damit ich nicht immer wieder meinen komplizierten Klarnamen buchstabieren muss.

Ihre Romane werden von Rezensenten in einem Atemzug mit dem amerikanischen Schriftsteller John Green und seinem Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ genannt, teils aber auch als „Frauenromane“ eingeordnet. Stört Sie Letzteres eigentlich?

Ich fühle mich davon nicht beleidigt. In der Bezeichnung schwingt natürlich mit, dass Frauenromane von minderem Wert sind und keine Literatur. Aber ich finde nicht, dass „Frau“ ein Schimpfwort ist.

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