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Alina Bronsky im Gespräch : Zurück in die Todeszone

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Baba Dunja lassen Sie in ihre Heimat zurückkehren, entgegen aller Vernunft, nämlich ausgerechnet in das Gebiet, das nach der Nuklearkatastrophe 1986 eigentlich vollends für die menschliche Nutzung aufgegeben wurde.

Baba Dunja hat nichts mehr zu verlieren, das macht sie so frei, diese radikale Entscheidung zu fällen. Ein unglaublicher und doch logischer Weg, den sie eingeschlagen hat.

Auch unglaublich tödlich.

Irgendwann schon, natürlich. Aber Baba Dunja nimmt ja auch ganz klar die Haltung ein, dass dieses Leben, das sie sich ausgesucht hat, nichts für jeden ist. Sie sagt nicht: Kommt bitte alle hierher. Sie hält es für unhaltbar, Kinder in ihr Dorf, in die Todeszone, zu bringen. Aber für diejenigen, die zurückgekehrt und allesamt alt sind, für die passt es so. Dass es alte Frauen gibt, die in die Gegend um Tschernobyl zurückgekehrt sind, entspringt übrigens der Realität. So bin ich auf die Idee für mein Buch gekommen. Irgendwann las ich auf Facebook zufällig diesen Text von Elizabeth Gilbert . . .

. . . der amerikanischen Bestsellerautorin, die „Eat, Pray, Love“ geschrieben hat.

Er erzählt von diesen etwa 250 alten Frauen, die nach dem Reaktorunglück nicht mehr in den ihnen zugeteilten Flüchtlingshäusern leben wollten. Sie kehrten also in ihre alten Dörfer zurück und führen dort ein vollkommen autarkes Leben: In ihren Gärten bauen sie ihr eigenes Gemüse an, holen Wasser aus dem Brunnen, helfen sich gegenseitig in ihrer Gemeinschaft. Über dem Text wurde ein Foto gezeigt von einer alten Frau mit Kopftuch, wie sie vor ihrer Hütte steht mit geradem Rücken, an ihrer Seite ihren wolfsartigen Hund.

Sie bewundern Sie.

Unbedingt. Und noch etwas . . .

Ja?

Der Text von Gilbert dazu war phantastisch, so klar, so sehr auf den einen Gedanken fokussiert, wie innerlich stark diese alten Frauen seien, „real badasses“, weil sie sich eben diese unglaubliche Freiheit genommen haben - und dass diese Frauen dazu inspirieren, die alte Frau in sich selbst zu entdecken. Gilbert beschreibt sehr amüsant, wie sehr wir doch in Zeiten des Jugendkults leben und wie Leute - und sie selbst auch - in den letzten Jahren eifrig damit beschäftigt waren, das Kind in sich selbst zu entdecken und dieses innere Kind zu pflegen, als eine Art Therapie, um mit sich selbst gelassener und liebevoller umzugehen.

Sie finden das albern.

Der Gedanke ist nicht uninteressant, aber viel spannender, wirklich so viel interessanter ist die Frage: Wie werde ich als alte Frau sein? Gerade weil Jungsein so romantisiert wird: Jung sein, möglichst immer jung auszusehen, auch wenn man es längst nicht mehr ist, überhaupt alles, was mit jung zu tun hat, wird in unserer Gesellschaft als Leistung und große Errungenschaft angesehen - und natürlich bedient der Gedanke, jetzt auch noch ständig sein inneres Kind im Blick zu haben, diesen Kult.

Sie möchten etwas dagegensetzen.

Ist doch sehr befreiend. Davon abgesehen wird der alten Frau, die ja auch eine wunderbare Figur in Märchen und Sagen ist, in vielen Kulturen Respekt gezollt. Hier in der westlichen Welt ist sie abhandengekommen.

Wie verhält es sich mit der alten Frau in Ihnen?

Ich suche sie auch noch, denke aber, sie akzeptiert sich selbst vollkommen, mit allen Schwächen - und vor allem hat sie keine Angst mehr.

Hier muss man natürlich fragen: Welche Schwächen?

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