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Alice Munro : Wir verzeihen uns

Alles, was sie schreibe, sei für etwas, das sie in ihrer Kindheit getan habe, sagte die kanadische Autorin Alice Munro vor Jahren in einem Interview. Jetzt möchte sie mit dem Schreiben aufhören.

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          Den Interviewern der „Paris Review“ berichtete Alice Munro 1994, dass das Haus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, zu einem Schönheitssalon umgebaut worden war. Sie habe es nie wieder betreten, wolle sich aber das ehemalige Wohnzimmer einmal zeigen lassen. In der Titelgeschichte ihres jüngsten Erzählungsbandes „Dear Life“ kehrt das Motiv wieder. Es ist der letzte Text des Bandes.

          Die vier letzten Texte bilden einen Abschnitt mit dem Titel „Finale“. Sie sind nach Angaben der Autorin „nicht richtige Geschichten“, sondern enthalten „die ersten und letzten Dinge, die ich über mein eigenes Leben zu sagen habe“. Alle vier Beinahe-Geschichten spielen in dem Haus am Feldrand, in dem ihre Mutter an Parkinson erkrankte und ihr Vater gestorben ist. Der Titel „Dear Life“ ist mehrdeutig. Das teure Leben mag das sein, das man um keinen Preis loslassen möchte. So kann aber auch ein Abschiedsbrief beginnen.

          Bis jetzt hat sie immer weitergeschrieben

          Alice Munro schildert unter dieser Überschrift eine verstörende Begebenheit, die sie aus Erzählungen ihrer Mutter kennt, weil sie zu klein war, um sich zu erinnern. Eines Tages sah ihre Mutter, wie eine Nachbarin auf das Haus zukam, eine verrückte alte Frau, Mrs. Netterfield. Sie bekam einen Schreck, nahm Alice aus dem Kinderwagen und verbarrikadierte sich mit ihr im Haus. Mrs. Netterfield klopfte nicht, sondern ging um das Haus und sah durch jedes Fenster hinein. Lange nach dem Tod ihrer Mutter erfuhr Alice Munro aus der Zeitung, dass die Familie Netterfield vor ihrer Familie in dem Haus gewohnt hatte. Durch die Auflösung des Rätsels wird das Unheimliche der Reminiszenz nicht getilgt. Die Vorsichtsmaßnahmen der Mutter waren überflüssig und vergeblich. Es war die von ihr verzweifelt behütete Person im Haus, die alle Geheimnisse des Hauses verraten sollte.

          Alice Munro glaubt zu wissen, dass ihre Geschichten ihrer Mutter nicht gefallen hätten, wenn sie sie noch hätte lesen können. Als sie vor ein paar Tagen einen Preis entgegennahm, vertraute sie einem Journalisten an, dass sie wahrscheinlich mit dem Schreiben aufhören werde. Sie hat solche Ankündigungen schon öfter gemacht. 2006 sagte sie, mit ihrer Mutter sei sie noch nicht fertig. Alles, was sie schreibe, sei wie bei der Hauptfigur des Romans von Ian McEwan „Abbitte“ für etwas, das sie in ihrer Kindheit getan habe. Auf der letzten Seite von „Dear Life“ verrät sie, dass sie nicht zur Beerdigung ihrer Mutter gegangen ist. „Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder wir sie uns nie verzeihen werden. Aber genau das tun wir - wir tun es jederzeit.“ Und doch hat Alice Munro bis jetzt immer weitergeschrieben.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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