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Alfred Döblins Sohn Stephan : Der traurige Nachzügler des berühmten Vaters

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Der Vater: Alfred Döblin Bild: dpa

Mit seinem Vater ging er 1933 ins Exil, seine Werke kann er erst lesen, wenn sie ins Französische übersetzt sind: Stephan Döblin, geboren 1926, ist das jüngste der Kinder des Schriftstellers Alfred Döblin. Joseph Hanimann hat ihn in Paris besucht.

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          Stephan Döblin wird bald zum ersten Mal in seinem Leben Alfred Döblins „Wallenstein“ lesen können, denn das Werk wird ins Französische übersetzt. In der paradoxen Situation dieses letzten noch lebenden Sohns des deutschen Schriftstellers spiegelt sich die ganze zerrissene Familiengeschichte. Der gegenwärtige Alleinvertreter der Döblin-Erben hat keinen Überblick über den in Marbach eingelagerten Nachlass, weil er, in Berlin geboren, aber sechsjährig mit den Eltern ins Exil gegangen, nie richtig Deutsch gelernt hat. Er, der als Nachzügler in der Familie unter den schwierigen Verhältnissen des Exils eng mit seinem Vater aufwuchs und in Kalifornien mit ihm das Schlafzimmer teilte, ist Alfred Döblin über die Sprachgrenze hinweg sehr verbunden geblieben. Er kannte den Vater aus engster Nähe im Alltag, besitzt aber so gut wie keine verbrieften Zeugnisse des nahen Umgangs mit ihm. „Ich habe ein Leben mit glücklichen und vielen traurigen Momenten mit ihm geteilt“, sagt er, „doch ich bin nur ein Sperma.“

          Das bringt den heute Dreiundachtzigjährigen, wenn er etwa in Frankfurt über die Rückkehr von Döblins Werk zum Fischer-Verlag verhandelte oder in Berlin den Ehrungen zum fünfzigsten Todestag des Schriftstellers beiwohnte, immer wieder in eine seltsame Lage. Er bleibt der Fremde, der nur gebrochen Deutsch sprechende Franzose. „Man respektiert mich, nimmt mich aber nicht wirklich wahr als Sohn Alfred Döblins“, sagt er mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme, in der Realismus, Resignation und stille Trauer einander das Gleichgewicht halten. Die diskrete Eleganz, mit der dieser ehemalige Finanzchef von Renault im Salon des Pariser Industriellenclubs Cercle Interallié, zwei Steinwürfe vom Elysée-Palast entfernt, an einem kalten Winternachmittag seinen Gesprächspartner empfängt, trägt diesen Knick von gut getarntem Schmerz.

          Der Dreiundachtzigjährige seufzt: „Mein Gott, wie schäbig“

          Das unmittelbare Dabei- und zugleich Ausgeschlossensein hat der letzte Döblin-Sohn, den vom zweitjüngsten der insgesamt vier Brüder neun Jahre trennen, seit dem Exil 1933 in Zürich und dann Paris zu spüren bekommen. Die Dauerspannung zwischen den Eltern nahm er wahr, verstand sie aber nicht. Von der außerehelichen Beziehung Alfred Döblins zu Yolla Niclas wusste er als einziger der Brüder nichts. Die heftigen Auseinandersetzungen des Vaters mit dem zweiten Sohn Wolfgang, einem Mathematikgenie, das sich 1940 als Soldat der französischen Armee beim Vormarsch der Deutschen das Leben nahm, hörte er verständnislos mit an. Und warum die Familie überhaupt statt in Berlin in der engen Pariser Wohnung lebte, wurde ihm ausdrücklich erst erklärt, als Schulkameraden ihn mit Steinen bewarfen und als „sale boche“ und als Juden beschimpften.

          Um so viel wie möglich von den sieben Exiljahren in Paris, den vier Jahren in den Vereinigten Staaten und den traurigen Nachkriegsjahren Alfred Döblins zwischen Deutschland und Paris noch vermitteln zu können, hat Stephan Doblin - so sein offizieller Name - begonnen, die Erinnerungen aufzuschreiben: für seine Kinder, wie er betont, nicht für eine Publikation. Auf unsere Fragen antwortet er aber bereitwillig. In seiner Erzählung besticht der anhängliche, aber unbeschönigte Blick auf den Vater. Obwohl dieser sich wenig für ihn interessierte, stand Stephan ihm näher als der strengen, aufs Materielle bedachten Mutter.

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