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Alexander Kluge : Ein Ingenieur seiner Geschichten

Es könnte alles ganz anders sein: Alexander Kluge erhält den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt Bild: ddp

Alexander Kluge erhält an diesem Freitag den Adorno-Preis. Dass ein Erzähler im Zeichen eines Philosophen geehrt wird, ist nicht selbstverständlich. Kluge will nicht der Primus der Frankfurter Schule sein - auf ihrem Pausenhof ist er der Beste.

          Im Gespräch nennt er sich einen „bekennenden Hilfsarbeiter der Frankfurter Schule“. Das ist bei Alexander Kluge, dem vielleicht produktivsten Zeitgenossen aus dem Umkreis dieses philosophischen Milieus, nicht nur Koketterie. Wenn die Stadt Frankfurt am Main dem Schriftsteller und Filmemacher an diesem Freitag in der Paulskirche ihren Adorno-Preis verleiht, ehrt sie tatsächlich eine ehemalige Arbeitskraft der Region. Nach Frankfurt war Kluge Mitte der fünfziger Jahre gekommen, um dort sein juristisches Referendariat abzuleisten, bei Hellmut Becker, dem Justitiar des „Instituts für Sozialforschung“. Dessen Ideengeber Theodor W. Adorno - Kluge: „Stellen Sie sich einen Mann vor, der die Hände nicht bewegt beim Reden“ - hatte ihn dann zu Fritz Lang, dem Regisseur, geschickt. Nicht, um Kluge dem Film zuzuführen - „Mit dem Film hatte Adorno es nicht, Film wäre ihm ohne Bilder lieber gewesen“ -, sondern um ihn der Literatur zu entfremden, die Adorno für ein abgeschlossenes Gebiet hielt.

          Tagsüber Recht, abends Geschichten. Was gab es für den Vierundzwanzigjährigen als Juristen damals zu tun? Kluge beschreibt sich als „reitenden Boten“ zwischen dem Institut, der Staatsanwaltschaft und den Ministerien. Adornos Wiedergutmachungsverfahren war zu betreiben, es gab Anfeindungen gegen die Re-Emigranten, und wenn Kluge sich erinnert, wie ein Schriftsteller, der als Jugendlicher einen Mord begangen hatte, aber später begnadigt worden war, aus der Haft trotzdem nur herauskam, weil man ihm als Fahrer Max Horkheimers, des Institutsdirektors, einen Beschäftigungsnachweis verschaffte, obwohl sich Horkheimer niemals mit ihm in einen Wagen gesetzt hätte, dann ist man schon mitten in der Erzählwelt des Geehrten.

          Bitte vorlesen

          Es ist eine Welt geschichtsphilosophischer und moralischer Anekdoten, erfundener wie wirklicher Episoden von der Hinterbühne der Haupt- und Staatsaktionen. Nicht „Es könnte alles ganz anders sein“ ist ihr Motto, sondern „Es braucht nur sehr wenig, um sehr viel zu ändern“. Daraus beispielsweise, dass Adorno 1968 ein Freisemester hatte, in dem ihn ausgerechnet der Antipode der Frankfurter Schule, Niklas Luhmann, mit einem Seminar über „Liebe als Passion“ vertrat, macht Kluge in seinem jüngsten Band - „Das Labyrinth der zärtlichen Kraft“ - die Geschichte eines Treffens zwischen beiden.

          Adorno war damals gerade unter Schmähungen von einer Geliebten verlassen worden und im Herzen getroffen. Morgens um sieben habe er ihn, Kluge, angerufen, er, der reitende Hilfsarbeiter, solle doch sofort die Untreue aufsuchen und ihr den Aphorismus „Konstanze“ aus den „Minima Moralia“, ein Stück über Treue, vorlesen. Und im Wirtshaus „Rheinpfalz“, unweit der Frankfurter Oper, habe Adorno Gäste bewirtet. Da sei es doch, jetzt beginnt die Möglichkeitserfindung, ganz unwahrscheinlich, dass er nicht mit dem Lehrstuhlvertreter wenigstens einmal dort gegessen habe, oder? Und weiter ganz unwahrscheinlich, dass er dann dabei, wissend um Luhmanns Seminar, mit seinem Liebesleid zurückgehalten hätte. Luhmann schlägt dem unglücklichen Adorno vor, auf die Beleidigungen der Geliebten mit finanzieller Großzügigkeit - sie war Schauspielerin und knapp bei Kasse - zu antworten, um seine Treue zu bezeugen und die Chance festzuhalten auf Wiederanknüpfung von Intimität. In Wirklichkeit, fügt Kluge im Gespräch hinzu, habe Adornos Gattin das Konto verwaltet.

          Nur keine Lehre

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