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Albert Camus zum Hundertsten : Der Autor verfluchter Bücher

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Der unbedingte Humanist

Lesen wir dazu einen Brief, den er, noch vor seiner ganz großen Berühmtheit, am 5.Dezember 1946 an den französischen Justizminister geschrieben hat. Es ging um das Schicksal des französischen Journalisten Lucien Rebatet, eines der Protagonisten der Kollaboration und des Antisemitismus. In seinen Texten für „Je suis partout“ leistete Rebatet die geistige Vorbereitung und Begründung für den Mord an den französischen Juden. Camus schreibt aber, um das Leben des zum Tode Verurteilten zu retten. Er hält Rebatet für einen Todfeind, der „ganz ohne Zweifel unser Leben nicht geschont hätte“, und fährt fort: „Nichts in diesem Mann, nichts in diesem Schriftsteller hat bei mir jemals etwas hervorgerufen, was auch nur entfernt einer Zuneigung ähnelte. Ich halte ihn, um Ihnen alles deutlich zu sagen, für schuldig.“ Und doch bittet er um Gnade: „Wo wäre denn die Überlegenheit dessen, was wir verteidigen, wenn wir nicht in der Lage wären, unser begründetes Ressentiment zu überwinden?“

Und an dieser Stelle des Briefs kann man die Gedenktagsweihe vergessen und alle Sekundärliteratur zur Seite legen. Diese Frage richtet sich an uns. Camus verlangt uns etwas ab: selbst unserem Todfeind die Humanität zu lassen. Das moralisch Relevante an einer Position der Stärke sah er nicht in der tollen Leistung, diese errungen zu haben, sondern darin, im Namen der Menschlichkeit auf ihre Ausübung verzichten zu können. Dass man mit Geheimgefängnissen, illegalem Abhören, Folter und Drohnenmord also besonders überlegen wirkt oder auch nur auf Sicherheit hoffen kann, das glaubt man nur, bis man Camus gelesen hat.

Hoffnungsvoll im Angesicht des Absurden

So eine Einstellung ist im Westen nur noch einer Minderheit überhaupt bekannt. Die Maximierung des Maximalen ist heute die herrschende Ideologie, eine praktische und weitgehend unreflektierte Denkungsart zur Verbesserung aller Leistungen zum Zwecke einer egoistischen Vorteilsvermehrung. Dass die wahre Souveränität ganz woanders liegt, in der Gnade aus humanistischer Verbundenheit und der Lebensfreude, das kann man bei Albert Camus lernen. Oder wie es Iris Radisch in ihrer eben erschienenen, meisterlichen Biographie ausgedrückt hat: Es ist die „Lebenskünstlerschaft“ Camus, die sie bewogen habe, das Buch über ihn zu schreiben.

Man vergisst ja leicht, wie das angefangen hat: Am Anfang standen die Texte eines jung an Tuberkulose erkrankten Mannes, der ängstlich, sehnsüchtig, aber vor allem begeistert aufschreibt, dass es doch das Tollste der Welt ist, unter der Sonne zu leben, Fußball zu spielen und sich zu verlieben. Und frei zu sein. Radisch zitiert einen Satz aus ihrer Begegnung mit Camus’ Sohn Jean, der darin die Lehre sieht, die sein Vater ihm auf den Weg gab: „Hab keine Angst!“

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