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Albert Camus zum Hundertsten : Der Autor verfluchter Bücher

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Doch die Zeichen, gerade auf der Linken und in der Studentenbewegung, befürworten die Trennung und rechtfertigen den urbanen Guerrillakrieg mit seiner ganz speziellen Taktik. Camus steigert sich in eine Betrachtung, von der er genau weiß, dass sie ihn in der damaligen Lage Kopf und Kragen kosten wird, aber es bricht aus ihm heraus: „Ich muss auch einen Terrorismus verurteilen, der beispielsweise in den Straßen Algiers blind wütet und eines Tages auch meine Mutter oder meine Familie treffen kann. Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber bevor ich die Gerechtigkeit verteidige, werde ich meine Mutter verteidigen.“ In den Ohren vieler linker Zeitgenossen klang das wie: Das Leid all der unterdrückten Algerier berührt mich weniger als das gute Gefühl meiner Mutter, sorgenfrei die Straßenbahn nehmen zu können.

Doch diese Sicht der Dinge, so moralisch wertvoll sie auch motiviert sein mochte, mit Antikolonialismus und allem, war falsch. Sie war aber leider dominierend. Für den Herausgeber von „Le Monde“ stand fest, dass Camus eine Dummheit gesagt hatte, auch die französischen Diplomaten sorgten sich um die Wirkung dieses Satzes in Algerien. Camus hatte sich in eine soziale und politische Isolation manövriert. So setzte sich der Terror durch und mit ihm sein blutiger Zwilling, die Terrorbekämpfung. Algerien versank im Terror, dann kam noch mehr Terror und schließlich der Bürgerkrieg.

Unzeitgemäß und doch aktuell

Heute betonen algerische Schriftsteller wie Boualem Sansal ihre Verbundenheit mit Camus und fällen ein harsches Urteil über die Jahrzehnte seit seiner Stockholmer Einlassung. Gelungen ist den Machthabern in dem an Rohstoffen und Talenten so reichen, wunderschönen Land nichts außer der Vermehrung des Leids ihrer Landsleute.

Wir folgen Camus leicht, wenn er den Nationalsozialismus verurteilt, auch noch, wenn er den Stalinismus verurteilt und dafür von den kommunistischen Blättern im Westen als Kalter Krieger apostrophiert wird. Aber in der Frage seiner Vision eines durch eine gemeinsame Kultur, durch die Philosophie und die Freude am Leben unter der Sonne vereinten Mittelmeeres sind wir immer noch ziemlich schwer von Begriff. Heute wäre Camus, dem es stets zuwider war, Petitionen oder Aufrufe zu unterschreiben zu Problemen, die er nicht selbst in Augenschein genommen hat, in Lampedusa. Er würde eine Flüchtlingspolitik fordern, die es ausschließt, dass verzweifelte Migranten auf unsicheren Booten ihr Leben riskieren in der Hoffnung, eines Tages in Imbissen die Toiletten zu putzen.

Er würde jenes Denken bekämpfen, nach dem die Südküste des Mittelmeers ausschließlich von muslimischen Arabern bewohnt werden darf, die Nordküste hingegen weißen Christen gehören muss. Es wäre ihm ein Graus, ein Europa zu sehen, in dem schon mal erwogen wird, wegen mangelnder Wirtschaftsleistung ganz Griechenland aus der Gemeinschaft auszuschließen. Zwei weitere Themen, die ihn wesentlich beschäftigten, sind wir auch noch nicht losgeworden: die Folter und die Todesstrafe. Wir haben modernere Formen gefunden, manchmal, wie das simulierte Ertränken im Waterboarding oder den fernen Mord durch die Raketen einer Drohne. Aber wenn man Camus liest, dann klingt das, als habe er die Dauer dieser Plagen schon irgendwie geahnt.

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Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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