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Adorno, Beckett, Korn : Eine Séance im Hause Unseld

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Das Feuilleton als Leidenschaftsapparat: Karl Korn (rechts) am 27. Februar 1961. Bild: Theodor W. Adorno Archiv, Fo 128 / © Klaus Baum

Am 27. Februar 1961 trug Theodor W. Adorno in Frankfurt seinen „Versuch, das 'Endspiel' zu verstehen“ vor, in Anwesenheit von Samuel Beckett. Vom geselligen Nachspiel hat sich ein Foto erhalten.

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          „An der Arbeit über das Endspiel schreibe ich wie wütend und mit größter Begeisterung. Ich habe ganz selten eine Sache mit so viel Enthusiasmus angefaßt, und je grausliger sie ihrem Gehalt nach ist, um so mehr Freude macht es mir, eben das auszusprechen. So widerspruchsvoll geht’s nun einmal zu in der Welt.“ So schreibt Theodor W. Adorno am 23. September 1960 an Iris von Kaschnitz. Gut fünf Monate später wird er seinen „Versuch, das ‚Endspiel’ zu verstehen“ zum ersten Mal vortragen.

          Es ist Montag, der 27. Februar 1961. Am Vormittag trifft Samuel Beckett in Frankfurt ein. Er kommt aus Bielefeld, wo Marcel Mihalovici die Uraufführung der „Krapp“-Oper an den Städtischen Bühnen geleitet hat. Mittags trifft er den Verleger Siegfried Unseld, der ihn zusammen mit Adorno zum Essen eingeladen hatte. Um 20 Uhr beginnt der 7. Suhrkamp-Verlagsabend im voll besetzten Cantate-Saal neben dem Goethehaus, angekündigt als „Hommage à Samuel Beckett“. Der durch den „Godot“ berühmt gewordene Autor sitzt in der ersten Reihe. Unseld hebt in seiner Begrüßung die „Einmaligkeit“ Becketts hervor, bezeichnet dessen Werk als „echte Zumutung“ und setzt es mit der Philosophie Ludwig Wittgensteins in Verbindung. Sodann trägt Adorno am Pult seine Deutung des „Endspiels“ vor. Nach der Pause gibt Elmar Tophoven die Leseprobe „Aus einem aufgegebenen Werk“, die Übersetzung eines unveröffentlichten Beckettschen Prosafragments. Schließlich tritt der Autor selbst auf die Bühne. In fehlerfreiem Deutsch sagt er Unseld, Adorno, Elmar und Erika Tophoven seinen Dank. Beckett spricht von der „Zähigkeit meines Verlegers, der seine „unangenehmen Schriften“ verteile.

          „Unvergleichlich seine Augen!“

          Im Anschluss an die Veranstaltung findet ein Empfang in der Villa von Unseld, Klettenbergstraße 35, statt. Dort dürfte die Szene spielen, die das hier abgebildete Foto zeigt: Beckett, Adorno und Karl Korn, Mitgründer und -herausgeber dieser Zeitung, in deren Feuilleton er am 1. März 1961 den Verlagsabend bespricht. Korns Rezension, überschrieben mit „Beckett in Frankfurt“ und gezeichnet mit K.K., setzt ein mit der Aufzählung prominenter Gäste, unter ihnen die Verlagsautoren Karl Krolow und Hans Magnus Enzensberger und Universitätsprofessoren wie der Rechtshistoriker Helmut Coing, und vermerkt zum Ablauf des Abends ironisch: „Der Suhrkampritus ist in Frankfurt schon eingeübt.“ Dann wechselt Korn die Tonart, um das Faszinierende der Vortragsweise des Philosophen zu beschwören: „Stimme und Diktion haben jenen unverwechselbaren Charakter des Gläsernen, der Abend wird zur Séance, der Magier, der da spricht, zelebriert sein Sujet auf genußreich künstliche Weise, die nur er versteht.“

          Adornos Essay wurde noch im selben Jahr im zweiten Band seiner „Noten zur Literatur“ gedruckt. Das Foto von Klaus Baum hat sich in Adornos Nachlass erhalten. Adorno hat auf der Rückseite notiert „mit Samuel Beckett“; Gretel Adorno oder eine Sekretärin fügte hinzu: „Korn“.

          Adorno und Korn haben sich gegenseitig geschätzt. Korns Buch „Sprache in der verwalteten Welt“ (1958) hat Adorno in den „Neuen Deutschen Heften“ überaus positiv besprochen; der Autor habe damit die Sprachkritik von Karl Kraus aktualisiert. Korn wiederum schrieb nach dem Tod des Frankfurter Philosophen, Soziologen, Musiktheoretikers und Komponisten an Gretel Adorno: „Diesen Mann habe ich ein Leben lang bewundert. Ich habe ihn 1930 zum 1. Mal gesehen, dunkel gelockt, eine schöne Erscheinung. Unvergleichlich seine Augen! Er hinterläßt ein Werk, das wir Ärmeren erst in Jahren und Jahrzehnten ausschöpfen können. Sie wissen das am besten. Darin finden Sie Trost. / Mir persönlich war der Verstorbene immer freundlich, hilfreich. Ich bin ihm aus Scheu vor seinem Genius zu selten begegnet. Aber ich war ihm immer herzlich dankbar zugetan und bleibe es.“ Karl Korn ist vor dreißig Jahren, am 10. August 1991, in Bad Homburg gestorben.

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