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Literaturnobelpreis für Gurnah : Ein Erzähler des Indischen Ozeans

Kritiker des Kolonialismus und Verteidiger Salman Rushdies: der Autor Abdulrazak Gurnah im Jahr 2016 bei einem Besuch in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Bunt gewürfeltes Gepäck und geheime Absichten: Die Schwedische Akademie zeichnet Abdulrazak Gurnah mit dem Literaturnobelpreis aus. Und leistet damit Wiedergutmachung für die Entscheidungen früherer Jahre.

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          Politischer ist wohl selten eine Entscheidung über den Literaturnobelpreis von der Jury begründet worden: Abdulrazak Gurnah erhält die Auszeichnung für „sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Flüchtlingsschicksals in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten“. Die vielfache Alliteration ist schon das Literarischste an der Begründung der Schwedischen Akademie, die den Preis vergibt. Bislang war der 1948 im damals noch unter britischer Verwaltung stehenden Sultanat Sansibar geborene Gurnah, der heute tansanischer Staatsbürger ist und in London lebt, mit seinen Büchern nur auf Shortlists wichtiger englischsprachiger Literaturpreise gelandet – gewonnen hatte er nie. Bis jetzt.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Gibt es aber neben der kritischen Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus noch andere Charakteristika der bislang zehn Romane von Gurnah? Vielen Kritikern erscheinen sie akademisch, aber das passt ja zur zitierten Einschätzung der Schwedischen Akademie. Deutsche Leser können das aktuell leider schlecht überprüfen, denn seit „Desertion“ aus dem Jahr 2005, der ein Jahr später als „Die Abtrünnigen“ übersetzt worden ist, erschien hierzulande kein Buch von Gurnah mehr, und es ist wie auch seine vier anderen zuvor ins Deutsche gebrachten Romane seit Jahren nicht mehr lieferbar.

          Hier wird mehr ausgezeichnet als ein einzelner Schriftsteller

          Spricht das gegen die Bücher oder gegen das literarische Gespür des hiesigen Publikums? Tatsache jedenfalls ist, dass nirgendwo sonst auf der Welt so viel fremdsprachige Literatur übersetzt wird und der Kolonialdiskurs in den letzten Jahren aufgeblüht ist – zumal Sansibar auch kurzzeitig deutsche Kolonie war. Offenbar sahen unsere Verlage zuletzt aber kein Verkaufspotenzial in Gurnahs Literatur.

          Das wird sich nun ändern. Und diese durch den wichtigsten Literaturpreis der Welt provozierte Neugier ist genau das, was die Vergabe an Gurnah angestrebt hat. Mit ihm wird mehr ausgezeichnet als ein einzelner Schriftsteller. Es ist eine Wiedergutmachung der Schwedischen Akademie an Versäumnissen gegenüber den gewandelten Erwartungen der Öffentlichkeit und auch gegenüber dem eigenen Anspruch. Seit der chinesische Schriftsteller Mo Yan 2013 ausgezeichnet wurde, waren alle Literaturnobelpreise an europäische oder nordamerikanische Autoren gegangen, und zuvor sah es mit dem Verhältnis von Schriftstellern aus „Erster“ zu denen aus „Dritter Welt“ kaum besser aus. Der Anspruch des Preises ist aber, Weltliteratur im geographischen Sinne zu prämieren, also alles im Blick zu haben. Afrika war somit achtzehn Jahre nach J.M. Coetzee längst wieder einmal dran; dort erscheint zweifellos exzellente Literatur. Und bei schwarzafrikanischen Schriftstellern muss man sogar bis zum Nobelpreis für Wole Soyinka im Jahr 1986 zurückgehen, um den unmittelbaren Vorgänger von Abdulrazak Gurnah zu finden.

          Blackhearted, blacklist, blackmail

          Im Kontext von Autoren dieser Provenienz ist allerdings der Kenianer Ngugi wa Thiong’o, ein seit langem gehandelter Kandidat für die Auszeichnung, international ungleich erfolgreicher gewesen als Gurnah. Beide verbindet die autobiographische Grundierung ihres fiktionalen Schreibens. Bei Gurnahs 2001 im Original erschienenem Roman „Ferne Gestade“, der 2002 auf Deutsch herauskam, wird von zwei Protagonisten erzählt, und einer davon ist ein älterer Mann aus Sansibar, der als angeblich Sprachunkundiger in London ankommt, um politisches Asyl zu erhalten. Dort trifft er auf einen Landsmann, einen in England bereits etablierten Literaturwissenschaftler, und erzählt ihm: „Ich bin ein Flüchtling, ein Asylsuchender. Das ist nicht einfach so dahergesagt, auch wenn es durch die Gewöhnung daran, dergleichen zu hören, so scheinen könnte. Ich kam am Flughafen Gatwick an, am Spätnachmittag des 23. November im letzten Jahr. Es ist ein vertrauter Höhepunkt unserer Geschichten, dass wir verlassen, was wir kennen, und an seltsamen Orten ankommen, wobei wir kleines bunt durcheinander gewürfeltes Gepäck bei uns tragen und unsere geheimen und unkenntlich gemachten Absichten.“

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