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Abbas Khiders neuer Roman : All diese Minenfelder im eigenen Kopf

Sinnbild für ein Land der Hoffnungslosigkeit: der bis auf ein paar Eisenbahner menschenleere Hauptbahnhof von Bagdad im Jahr 2014 Bild: NYT/Redux/Laif

Wenn die eigene Geschichte niemals wahr sein kann: In seinem neuen Roman „Der Erinnerungsfälscher“ erzählt Abbas Khider von der Reise eines Geflüchteten aus Berlin ans Sterbebett seiner Mutter nach Bagdad.

          4 Min.

          Was heißt es, den eigenen Erinnerungen nicht mehr ganz trauen zu können? Was heißt es für einen, der vor Jahren aus seiner Heimat flüchten musste und sie eigentlich nur in seinem Gedächtnis unkompliziert wieder betreten kann? Was für einen Schriftsteller, der in seinem Schreiben aus dem Erlebten schöpft, der zumindest bewusst darüber verfügen können muss, was er selbst erlebt und was er von anderen gehört oder sich ausgedacht hat? Diese Fragen durchziehen den neuen Roman von Abbas Khider, und sie geben ihm auch den Titel: „Der Erinnerungsfälscher“.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Said Al-Wahid lebt in Berlin. Als sein Vater unter der Diktatur von Saddam Hussein festgenommen und hingerichtet wurde, war er noch ein Kind. Als seine Schwester mit ihrer ganzen Familie einem islamistischen Bombenanschlag auf einer großen Einkaufsstraße in Bagdad zum Opfer fiel, war er schon in Deutschland. „Komm nie wieder zurück“, hatte ihm seine Mutter vor seiner Flucht aus Bagdad zum Abschied zugeflüstert. Inzwischen hat er die deutsche Staatsbürgerschaft, eine deutsche Frau, einen kleinen Sohn – und das Gefühl, neben seinem sichtbaren Ich noch ein verstecktes zu haben, „verschleiert, verborgen, rückwärtsgewandt“, allein und freiwillig eingesperrt.

          Dreimal schon hat er die mütterliche Beschwörung missachtet und ist in seine Heimat zurückgereist. Jetzt hört Said Al-Wahid von seinem Bruder, dass es mit der Mutter zu Ende geht. Er nimmt den nächsten Flieger nach Bagdad. Abbas Khider erzählt von Saids Reise in der Hoffnung, sich von seiner Mutter noch verabschieden zu können, er erzählt in Rückblenden von der Kindheit, der Flucht, dem beschwerlichen Weg in Deutschland, von bisherigen Reisen nach Bagdad. Er erzählt all das unter dem Vorbehalt der Erinnerungsunsicherheit.

          Abbas Khider: „Der Erinnerungsfälscher“. Roman. Hanser Verlag, München 2022. 128 S., geb., 19,– €.
          Abbas Khider: „Der Erinnerungsfälscher“. Roman. Hanser Verlag, München 2022. 128 S., geb., 19,– €. : Bild: Hanser Verlag

          Dass es in seinem Gedächtnis Orte gibt, die wie Minenfelder sind, weiß Said Al-Wahid selbst: „Sie können einen in Stücke reißen.“ Zugleich sehnt er sich nach Erinnerungen, die in ihm Emotionen hervorrufen: Ganze Jahre scheinen in seinem Kopf wie ausgelöscht zu sein, geblieben ist ein Gemisch aus Bildern, die sich wahllos überlagern, aus einzelnen Sätzen, unvollständigen Szenen und Anekdoten. Überhaupt an sie heranzukommen ist harte Arbeit, auf die oft genug Erschöpfung und Kopfschmerz folgt. Ein Arzt in Berlin empfiehlt nach zwanzig Minuten Gespräch ein „Behandlungszentrum für Folteropfer“ für die Traumatherapie. „Typisch, dachte Said. Wenn ein Migrant mit etwas kommt, das man in Deutschland nicht begreift, nennt man es ‚Trauma‘. Was soll man tun, wenn das ganze Leben ein einziges Trauma ist? Soll man das Leben in ein ‚Behandlungszentrum für Folteropfer‘ schicken?“

          Für Said Al-Wahid steht fest: Niemand soll in seiner Vergangenheit bohren. „Wer weiß, was dabei herauskommen würde.“ Auch den eigenen Versuch, sich genau zu erinnern, hält er für einen Fehler. Der Ausweg: Er muss ergänzen, was ihm fehlt, muss sich Zusammenhänge ausdenken, logische Handlungen, schlüssige Geschichten: „Er muss sich Erinnerungen erfinden.“ Die Erzählungen und das Romanprojekt, an denen er im folgenden Jahr arbeitet, sind für ihn „Versuche, eine einzige wahre Geschichte zu schreiben, nämlich seine, die niemals wahr sein kann“.

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