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Cornelia Funke im Gespräch : Sie wollten ein Happy End, ich nicht!

Cornelia Funke bei einer Preisverleihung in Hamburg am 25. September. Bild: dpa

Cornelia Funke hat einen Verlag gegründet: „Breathing Books“. Die Schriftstellerin über ihre neue Arbeit als Verlegerin und ihre Idee, den Erzählzyklus „Tintenwelt“ mit der Romanserie „Reckless“ zusammenzubringen.

          Frau Funke, in Ihrer Romanserie „Reckless“ schicken Sie Jacob und Will Reckless durch Länder, die Frankreich, Deutschland und Russland im 19. Jahrhundert ähneln und konfrontieren sie mit Motiven aus den Märchen dieser Länder. Wohin geht die Reise der Brüder im vierten Band?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Will ist vermutlich in Japan, Jacob in Indien, da bin ich mir aber noch nicht so sicher. Jedenfalls beschäftige ich mich gerade sehr mit der Geschichte Japans und Indiens – und natürlich mit den Märchen dieser Länder.

          Vergangene Woche wurde bekannt, dass Sie sich von Ihrem englischen und amerikanischen Verlag getrennt haben. Wie kam es dazu?

          „Das Goldene Garn“, der dritte Teil von „Reckless“, war in Deutschland bereits erschienen, aber noch nicht in Amerika. Ich kam von einer sehr schönen Lesereise zurück und kam mir ein bisschen vor wie Sir Edward Hilary, der gerade den Mount Everest bestiegen hatte, nach schwerem Aufstieg. Da kriege ich eine Email von meinem amerikanischen Verlag. Sie baten mich, das erste Kapitel weiter ins Buch hinein zu schieben und das offene Ende als Epilog umzuformulieren. Sie wollten lieber das Happy End mit Jacob und Fuchs.

          Cornelia Funke mit dem dritten Buch der Serie „Reckless“.

          Wie kam der Verlag dazu?

          Die englischen und amerikanischen Verlage sind dadurch verwöhnt, dass sie fast immer nur englische Texte publizieren. Das heißt, dass sie ein Buch auch lektorieren oder für den heimischen Markt zuschneiden. Wenn ein Buch von mir zugleich in Amerika und Deutschland erschienen ist, habe ich den Verlagen auch manchmal erlaubt, mein Buch während des Lektorierens in Übersetzung zu lesen und Änderungsvorschläge zu schicken. Aber ich habe klar gemacht: Es gibt für mich nur ein Lektorat. Und das ist das deutsche.

          Und dann?

          Der Verlag hat mir angeboten, die Rechte an der Serie zurückzugeben, ohne dass ich etwas bezahlen muss – das ist sehr großzügig. Ich muss nicht mal die Übersetzungskosten tragen. Meine Agenten verhandeln immer noch über den Zeitpunkt, wann ich die Bücher im Druck und wann elektronisch publizieren darf – aber im Prinzip kann ich sie jetzt neu herausbringen.

          Dafür haben Sie den Verlag „Breathing Books“ gegründet...

          Das hatte ich schon seit zwei Jahren vor, seit ich mit der App „Mirrorworld“ zur Reckless-Serie mit der Firma Mirada etwas erschaffen hatte, von dem ich glaubte, dass es so eine Art Heimat braucht. Nur hatten wir immer gedacht, wir lassen uns Zeit bis nächstes Jahr. Weil ich aber unbedingt „Das goldene Garn“ im Herbst herausbringen wollte, damit die „Reckless“-Leser nicht so lange auf die Fortsetzung warten müssen, musste es schneller gehen.

          Jetzt sind Sie also Verlegerin.

          Der Verlag hat zwei Besitzer: Matthew Cullen, der auch Mitinhaber von Mirada ist, und mich. Mirada macht das Design der Bücher kümmert sich um den Druck.

          Was ist mit Presse und Vertrieb?

          Wir drucken in Kanada, mit guten Bedingungen und sehr guter Qualität. Für den Vertrieb haben wir eine Firma beauftragt, die uns von mehren Seite empfohlen worden ist, und eine andere für die Pressearbeit im ersten halben Jahr. Ich mache auch zunächst nur eine ganz kleine Auflage von 5000 Stück – wir können innerhalb von zwei Wochen nachdrucken. Und dann bieten wir Ebooks zum Download über die üblichen Händler an. „Das goldene Garn“ erscheint am 17. November. Und im Februar erscheint ein Bilderbuch, das ich gerade beendet habe.

          Werden außer Ihren auch Bücher anderer Autoren erscheinen?

          Zunächst nicht. Ich hoffe dass wir irgendwann finanziell so entwickeln, dass wir Autoren auch etwas bieten können – es würde mich sehr reizen, gerade mit jüngeren Künstlern zu arbeiten! Im Moment aber würde ich den Erwartungsdruck anderer Autoren nicht wollen. Wenn ich mich selbst enttäusche, ist das nicht weiter schlimm.

          Ist das alles nicht ein ziemliches Risiko?

          Ja. Aber ich verdiene immer noch Geld mit meinen traditionellen Verlagen. Die größte Entscheidung steht für das nächste Jahr an, wenn ich „Die Feder des Greifs“ herausbringe. Als zweiter Teil von „Drachenreiter“ könnte das ein Bestseller werden. Und ich muss mich jetzt fragen: Warum verlege ich es nicht selbst? Ich hätte wesentlich mehr Gewinn, weil ich ganz andere Margen habe. Oder ist uns das einfach zu groß? Ich müsste die Auflage vorfinanzieren, und ich habe fest vor, mich nicht zu übernehmen.

          Wie geht es jetzt mit der „Reckless“ in Amerika weiter?

          Ich werde im ersten Vierteljahr 2016 Buch 1 und 2 herausbringen, aber unter den europäischen Titeln . Und mit den Originalillustrationen. Außerdem erscheint das erste Buch in einer erweiterten, überarbeiteten Fassung.

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          Worum erweitert?

          Die größten Änderungen betreffen Jacobs Geliebte, die Gestaltwandlerin Fuchs. In der neuen Fassung wird sie viel erwachsener, weil sie eigentlich auch schon erwachsen ist – sie hat schon soviel erlebt

          Kommen die Änderungen auch in die deutsche Ausgabe?

          Ja, vermutlich ins Taschenbuch. Ich will natürlich nicht, dass die Leser das selbe Buch noch mal kaufen müssen, deshalb müsste außerdem eigentlich ein kostenloser Download her.

          In einem Buchprojekt wollen Sie Ihre Erzählzyklen „Reckless“ und „Tintenwelt“ zusammenbringen. Wie gehen Sie da vor?

          Zunächst habe ich mir eine Chronologie überlegt: Die Tintenwelt spielt um 1360 in Norditalien, die „Reckless“ um 1860, es liegen also 500 Jahre dazwischen. Ich überlege gerade: Wo soll man merken, dass es im Grunde dieselbe Welt ist, wie viel Spuren packe ich da rein? Ein Motiv wird vorkommen, das auch meiner eigenen Entwicklung gerade entspricht: Die Macht des Bildes im Kampf gegen die Macht des Wortes.

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