https://www.faz.net/-gr0-8l8m8

100 Jahre Peterchens Mondfahrt : Fahren wir Schlitten auf der Milchstraße?

Grandiose Vermenschlichung des Außerirdischen

Bassewitz jedenfalls, der in dem Brief an Brümmer schreibt, er hätte am liebsten Astronomie studiert, offenbart ein zutiefst romantisches Verhältnis zu allen Himmelsphänomenen, und wahrscheinlich liegt hier, in der grandiosen Vermenschlichung des Außerirdischen, auch der anhaltende Erfolg des Buchs begründet. Oder hat man vor ihm schon eine solche Milchstraßenschlittenfahrt gelesen? „Aus einem leise leuchtendem Schaum war der Weg unter ihnen, glänzender als frischer Schnee und zarter als der Schaum der klarsten Wellen“, heißt es da, und während der Sandmann wie ein preußischer Wachtmeister auftritt, sorgt sich der Milchstraßenmann um die Wegeschäden, die von den stürmischen Elementarwesen herrühren.

Hinzu kommt, dass Bassewitz in dem 1870 geborenen, also acht Jahre älteren Maler Hans Baluschek einen Partner für sein Buch an die Seite gestellt bekam, dessen Bildideen zum einen das Liebliche wie das manifest Grausame von Bassewitz’ Prosa zum Funkeln brachten - unvergesslich ist etwa die Farbtafel, auf der ein Komet an dem Schlitten der Kinder vorbeizieht und der große Bär böse zum Himmelskörper die Zähne bleckt, so dass der, langbärtig und verwirrt, lieber seine Bahn verlässt. Zum anderen aber erweitern sie - vor allem in den schwarzweißen Zeichnungen - den Rahmen wesentlich. Etwa über Zitate, wenn er im Bild „Frau Holle am Nordpol“ die Märchengestalt hoch am Himmel schlummern lässt, unten aber Eisberge auftürmt und ein Schiff so zwischen ihnen postiert, dass es an die emblematischen Bilder der missglückten Franklin-Expedition von 1845 erinnert.

Weniger inspiriertes Märchenspiel

Baluschek, der eigentlich für seine großartigen und schonungslosen Studien aus dem Leben der Ärmsten bekannt geworden ist, schuf seine Bassewitz-Illustrationen bereits für die 1916 erschienene Prosafassung von „Peterchens Mondfahrt“ - also mindestens drei Jahre früher, als es die einschlägigen Monographien zu dem Maler verzeichnen. Eine zweite gemeinsame Arbeit, das Märchenspiel „Pips, der Pilz“, ist von beiden Seiten weit weniger inspiriert angegangen worden. In „Peterchens Mondfahrt“ aber gelingt es Baluschek sogar, die süßlichen Stellen in Bassewitz’ Buch mit seinen Bildern abzumildern, selbst die Weihnachtswiese, auf der das Spielzeug für die braven Kinder wächst, und das Osternest bekommen Konturen, die ungewöhnlicher sind als der hier etwas schlichte Text.

Ob der Erfolg von „Peterchens Mondfahrt“, der alles andere von ihm Verfasste überschattete, Bassewitz irgendwann zu viel wurde, ist unbekannt. Nachdem er am 6. Februar 1923 in der Villa Siemens in Berlin aus seinem Werk vorgelesen hatte, nahm er sich auf dem Heimweg das Leben.

Weitere Themen

Topmeldungen

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe

Notstand in Japan : Abes steile Lernkurve

Vor kurzem wollte er noch Olympische Spiele in Tokio veranstalten. Jetzt hat Ministerpräsident Abe dort den Notstand ausgerufen. Er ist in der Wirklichkeit gelandet.

Dominic Raab : Wer regiert jetzt Großbritannien?

Dominic Raab ist Boris Johnsons Wunsch-Vertretung. Der Außenminister bezeichnet sich als „neuer Konservativer“ und war früh für den Brexit. Sein Stil unterscheidet sich fundamental von dem des Premierministers.

F.A.Z. exklusiv : Industrie erhöht den Druck für Exit-Strategie

„Die Unternehmen müssen wissen, woran sie sind“, fordert DIHK-Chef Eric Schweitzer im Gespräch mit der F.A.Z. Auch die Autoindustrie warnt: „Der Hochlauf wird anspruchsvoll und Zeit benötigen“, meint VDA-Chefin Müller.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.