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100 Jahre Peterchens Mondfahrt : Fahren wir Schlitten auf der Milchstraße?

„Peterchens Mondfahrt“ von Bassewitz

Über „Schahrazade“, die 1917 sogar noch als Opernlibretto für den Komponisten Bernhard Sekles diente und deren Mannheimer Uraufführung Wilhelm Furtwängler dirigierte, ist die Zeit hinweggegangen, anders als über „Peterchens Mondfahrt“. Aber etwas Verstörendes haftet auch diesem Stück an, das Bassewitz vor knapp hundert Jahren in ein Kinderbuch überführte, das bis heute auf dem Markt ist. Es setzt ein mit der detaillierten Schilderung, wie die Maikäferfrau Sumsemann, die Gattin immerhin einer der drei Hauptfiguren des Buchs, von einem Huhn gefressen wird. Wenig später singt die Mutter der kindlichen Helden Peter und Anneliese ein Gutenachtlied von einem „Käferlein“, das sich in einer schönen Mondnacht sehnsuchtsvoll auf die Reise macht und unvermittelt erst ein Bein, dann einen Flügel, am Ende das Leben verliert: „Starb an seinem Kummer bald“, singt die Mutter noch, dann überlässt sie ihre Kinder sich selbst und, so möchte man meinen, ihren Albträumen.

Tatsächlich ist, was dann geschieht, nicht weit davon entfernt. Die Reise, die Peter und Anneliese mit dem Maikäfer Sumsemann unternehmen, um das verlorene Bein seines Urahnen vom Mond zurückzuholen, beginnt vergleichsweise harmlos, abgesehen davon, dass sie der Sandmann auf der Himmelswiese mit Sternraketen bedroht, deren Kugeln ihnen „den Bauch aufplatzen“ sollen, aber spätestens als sie dem grässlichen Mondmann gegenüberstehen, wird es ernst.

Der Maikäfer ist keine Hilfe

Bassewitz hatte ein Händchen für Szenen, die derlei auskosten, so gut es eben geht: „Mit glimmrigen Augen guckte der Mondmann sie an - von oben bis unten - zog langsam ein riesenlanges Messer aus einem Kittel, wetzte es sorgfältig an einem großen Stein vor ihnen und schmunzelte und schmatzte dazu vor sich hin: ,Zwei Menschlein kamen zu mir herauf / Mit Haut und Haaren freß ich sie auf! / Tausend Jahr hab ich nichts gegessen! / Tausend Menschen könnte ich fressen! - / Schlachten will ich sie, langsam braten / Am Spieß; - sie werden mir wohl geraten! / Ich lasse sie backen hundert Stunden; / Dann sollen mir ihre Gliederlein munden!‘“ Der einzige Begleiter der Kinder, der gleich zu Anfang schon heillos betrunkene Maikäfer, ist ihnen jedenfalls keine Hilfe.

Natürlich bringen sie die Sache gut zu Ende, entscheidend ist, dass sie sich schon zuvor als völlig gutartig gezeigt haben, so dass die verschiedenen Himmelswesen, die sie auf ihrem Weg getroffen haben, ihnen helfen können. Zugleich aber scheint es, als ob das Interesse des Autors gar nicht so sehr den Kindern gälte, sondern ebenjenen Wesen, die entweder für Wetterphänomene oder für Himmelskörper stehen. Sie alle kommen im Haus der Nachtfee zusammen und haben jeweils ihre Auftritte, bei denen sie gereimte Begrüßungen der Gastgeberin vorbringen - Bassewitz, so scheint es, kann gar nicht genug davon kriegen. Da kommen Donnermann und Blitzhexe, Hagelhans, Regenfritz und Windliese, Wolkenfrau und Sturmriese, Frau Holle und der Eismax, und so wie sie alle davon berichten, was sie auf und über der Erde treiben, meint man in ihrem Autor den Sohn des neumärkischen Gutsbesitzers zu erkennen - sein Vater bewirtschaftete im heutigen Polen zwei Jahre lang das Gut Liebenow, das allerdings Bassewitz’ Großvater zuvor zugrundegewirtschaftet hatte, so dass die Familie nun in kleineren Verhältnissen leben musste. Weitere Gäste sind die Sonne, begleitet von Morgenröte, Abendröte, Morgenstern und Abendstern, und spätestens hier, mit der Aufspaltung der Venus in zwei einzelne Gestirne, vermittelt Bassewitz eine zweifelhafte Himmelskunde - es scheint sich überdies bei der Erde um eine Scheibe zu handeln, denn es ist überall gleichzeitig Mitternacht.

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