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100 Jahre Echtzeitkommunikation : Kafka erweckt das Internet und fürchtet sich

500 Briefe in fünf Jahren: Oft schrieb Franz Kafka an Felice Bauer mehrfach am Tag Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Am 20. September vor hundert Jahren schreibt Kafka den ersten Brief an Felice Bauer. Eine der ungewöhnlichsten Korrespondenzen ihrer Zeit beginnt. In seinen Briefen nimmt Kafka die Medienrevolution des 21. Jahrhunderts vorweg.

          Das Jahr 1912 ist für die deutsche Post so erfolgreich wie keines zuvor. Mehr als sechs Milliarden Briefe werden ausgeliefert, 17 000 Eisenbahnzüge dazu laut den Statistiken eingesetzt. In Berlin wird die Post achtmal am Tag zugestellt, auch sonntags, in Prag immerhin zweimal. Und ein gerade 29 Jahre alt gewordener Prager Versicherungsjurist, Angestellter bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, schwimmt mit mehr als zweihundert privaten Briefen in nur einem Jahr auf der anschwellenden Mitteilungswelle des nicht mehr allzu frischen Mediums ganz obenauf. Bis zum Äußersten strapaziert er die Grenzen der botenüberbrachten Intimitätsbezeugung und präsentiert die von Telefon und Telegrafie bedrohte Mitteilungsform noch einmal in ihrer ganzen Kraft. Mehr als fünfhundert Briefe wird er von Prag aus an Felice Bauer, Vertriebsleiterin für Diktiergeräte bei der Lindström AG in Berlin, schreiben, zeitweise verschickt er sie mehrfach am Tag. Es fallen Sätze wie dieser: „Vorläufig schicke ich diesen Brief so weg, ich schreibe heute wohl noch einige Male.“

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Kennengelernt hatte er Felice Bauer am 13. August im Haus seines Förderers Max Brod in Prag, körperlich ist Franz Kafka, der gerade von einem Sanatoriumsaufenthalt zurückgekehrt ist, so fit wie lange nicht, angeregt zudem von einem schöngeistigen Weimar-Aufenthalt, bei dem er die Hoffnung entwickelte: „Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann!“ Im Gepäck hat er das Manuskript seiner ersten Buchveröffentlichung, einer Prosasammlung namens „Betrachtung“, es soll nur noch die Reihenfolge der Stücke festgelegt werden. Kafka ist an diesem Abend für seine Verhältnisse äußerst lebhaft, einmal sogar schlägt er - gerade hat Felice erwähnt, dass sie „mit Vergnügen“ Abschriften von Manuskripten erstellt - vor Überraschung auf den Tisch, als wolle er sagen „Potzblitz, das ist eine Frau fürs Leben“. Wir werden auf den genauen Schlüsselreiz dieses seltenen Gefühlsausbruchs noch zurückkommen, der auch Kafkas Dichtungsverständnis im Kern berührt.

          Post von Kafka: im Jahr 1912 keine Seltenheit für Felice Bauer

          Am Ende des Abends, an dem er Felice, die sich als Zionistin erwiesen hat und die ihm „zum Seufzen“ gefällt, das Versprechen einer gemeinsamen Palästina-Reise abgerungen hat, bringt er sie mehrfach stolpernd und wortkarg ins Hotel, wo er, als sei die Situation nicht kafkaesk genug, in der Drehtür mit ihr zusammenstößt. Die Blumen, die er ihr am nächsten Morgen eigentlich überbringen wollte, verwirft er.

          Erst am 20. September, mehr als fünf Wochen später, kann er sich nach nächtelangem Grübeln zu einem ersten Brief durchringen, er schreibt, betont förmlich, unter dem Briefkopf seiner Versicherungsanstalt. Sie antwortet ihm rasch, lässt sich auf seine immer distanzloser werdenden Freundschaftswerbungen ein und erhält von ihm in den nächsten Wochen und Monaten herzergreifende Zeilen voller Selbstzweifel und Witz, Annäherung und Abwehr. Es ist einer der ungewöhnlichsten Briefwechsel, die das Licht der Öffentlichkeit jemals erblickt haben, und doch kommt einem hundert Jahre später vieles daraus erstaunlich bekannt vor. Mit den sparsamen Mitteln seiner Zeit versucht Kafka eine Echtzeitkommunikation herbeizuführen, die für uns heute wie selbstverständlich wirkt. Erwartet hätte man sie bei dem Kritiker jeglicher Form von Überwachungseifer nicht.

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