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Schriftsteller Peter Weiss : Rückzug in den Streit

Peter Weiss in den sechziger Jahren Bild: Picture-Alliance

Der Schriftsteller Peter Weiss wäre an diesem Dienstag hundert Jahre alt geworden. Keine der ästhetisch-politischen Sorgen, die er hatte, ist erledigt. Dafür, dass wir das wissen können, hat er gesorgt.

          Mit geröteten Augen und strapazierter Zunge, aber weder kurzatmig noch unkonzentriert, betritt der Schauspieler Robert Stadlober am Freitag, dem 7. Oktober 2016, das Literaturforum im Berliner Brecht-Haus, um auf der Tagung „Literatur als Grenzüberschreitung“ aus Texten des 2008 verstorbenen linken Schriftstellers Christian Geissler zu lesen, dessen Andenken die Veranstaltung gewidmet ist.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Stadlober hat an diesem Tag bereits schwer gearbeitet; seine Stimme stand stundenlang, wie schon öfter in diesem Jahr, im Dienst der politischen Dichtung von Peter Weiss, die er zusammen mit anderen auf dem Theater, nämlich im Hebbel am Ufer, zum Sprechen gebracht hat. Der Abend im Brecht-Haus ist als Diskussion geplant. Stadlobers Vortrag soll die Debatte vorher und nachher einrahmen, aber was und wie er dann liest, zerstreut jede Befürchtung, es könnte mal wieder, wie bei Veranstaltungen zu politischer Kunst viel zu häufig, darum gehen, in einer mehrstimmigen Wehklage über gesellschaftliche Scheußlichkeiten ein paar Köpfe gegeneinanderkrachen zu lassen, um sie vorher und nachher im kulinarischen Ungefähr folgenlosen Wohlklangs symbolisch miteinander zu versöhnen. Nach dem Motto: Die Welt ist schlecht, aber die Kunst gefällt immer.



          Nichts da: Der Schauspieler liest vor, wie Adorno empfahl, dass man Musik hören solle: strukturell, das heißt als aktives Freilegen sprachlicher Momente in benennender Festlegung wie phantasierender Dynamik - hier ist die Idylle der Liebenden, Verschnaufpause des Glücks, aber im nächsten Moment brüllt das Unrecht dazwischen, bricht jedoch nicht einfach von außen herein, sondern auch aus den Figuren selbst hervor. Stadlobers Darstellung der von Geissler geschriebenen Menschen zeigt sie als mit sich nicht einige Personen, als Unversöhnliche sogar in der Liebe. Christian Geisslers Prosa bietet solch klarem Strukturgesang der Schauspielerstimme viele gespannte Satzfedern und Kippvorrichtungen an, steile Auftaktklippen als Absatzrampen, Wortneuschöpfungen, Asso- und Dissonanzen greifen ineinander oder streben voneinander fort.

          Man hört erfreut, dass Stadlober dem gewachsen ist. Wie bei jeder begriffsgespeisten Musikdarbietung hat das mit Übung zu tun: Peter Weiss hat ihn darauf vorbereitet, den Weiss-Kollegen Geissler so zu lesen. Denn Weiss war ein Sprachkomponist der „poetischen Forderung auf bewußte Entreglung der Sinne“, wie es im Hauptwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ heißt, mit einer der vielen Wendungen des Buches, die einer Regel ins Wort fallen. Denn was heißt eigentlich „Forderung auf“? Fordert man denn auf etwas? Ist das verkehrtes Deutsch, was dem Exilanten in Schweden, dem in keiner Muttersprache, keiner Nation und bei keiner Partei je friedlich geborgenen Dichter da unterlaufen ist?

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