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Zur Lage der Kultur : Erst verschwinden die Dörfer, dann wir

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Ist die kritische Literaturlandschaft bald genauso verlassen, wie manche Dörfer? Bild: dpa

Die neue Marktwirtschaft diktiert der Kultur das Prinzip der ökonomischen Verwertbarkeit und treibt uns in geistige Provinzialisierung. Zieht sich das digitale Netz immer enger um uns zusammen? Ein Gastbeitrag.

          10 Min.

          Vor einigen Jahren brachte das „Nachtstudio“ des Bayerischen Rundfunks zum sechzigjährigen Jubiläum der Sendung eine Serie von Radioessays. Man suchte aus dem Archiv historische Aufnahmen von Autoren wie Theodor W. Adorno, Margarete Mitscherlich oder Josef Ratzinger zusammen und stellte ihnen jüngere Kollegen unter dem Titel „Rede und Antwort“ als Gesprächspartner zur Seite. Ich wurde mit der Aufgabe betraut, eine Art Update zu Carl Amerys Beitrag über „Das Dorf - Anachronismus, Zerstörung, Zukunft“ von 1978 zu verfassen. Mein Roman „Willkommen neue Träume“ war soeben erschienen, der sich mit den Lebenswirklichkeiten in einem oberbayerischen Dorf des 21. Jahrhunderts beschäftigt, und so war ich gewissermaßen prädestiniert für diesen Dialog über die Zeiten hinweg. Schnell stellte ich fest, wie sehr Amerys Analysen mit meinen Beobachtungen übereinstimmten, und staunte, wie früh sich die Folgen einer ja nicht erst nach 1989 einsetzenden ökonomischen Globalisierung gerade in den ländlichen Regionen bereits abzeichneten.

          Was Amery 1978 als Tendenz formuliert hatte - die Verwandlung des Dorfs als landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft in eine Mixtur aus Pendlerschlafstatt, Seniorenheim und Tourismuskulisse -, war von der Realität inzwischen eingeholt und überholt. Denn auch die Kleinbauern, aus deren bedrohter Existenz Amery noch seine Zukunftsutopie einer ökologischen, auf Eigenhandel und Nachbarschaftlichkeit gründenden Agropolis entwickeln konnte, sind heute bis auf ein paar versprengte Biohöfe, die sich gerade so über Wasser halten, nahezu ausgestorben. In meinem Dorf etwa sind von den 45 Bauern, die es vor fünfzig Jahren gab, heute gerade noch zwei übrig.

          Eine Vintage-Version von Tradition und Heimat

          Carl Amery setzte damals die Zerstörung der ländlichen Strukturen in Europa unter dem Druck der globalen Futtermittel- und Saatgutkonzerne und des marktwirtschaftlichen Zwangs zur Monokultur gleich mit der Zerstörung gewachsener kultureller Lebensformen in den sogenannten Entwicklungsländern und prognostizierte ihren Kollaps. „Alles, was dem Dorf heute angeboten wird“, sagte er, „die industrielle Landwirtschaftsberatung, das Netz der Konsum-Profitierer, die City-Verdiener, die sich als schicke Parasiten in seine Strukturen einnisten - all das vermag das Dorf nicht zu retten, sondern verstärkt seine Agonie.“

          Dass in den Dörfern Oberbayerns der Kollaps ausgeblieben ist, stattdessen eine Art Vintage-Version von Tradition und Heimat entstehen konnte, die das existentielle Bedürfnis ihrer Bewohner nach Identität scheinbar auffängt, hängt natürlich in erster Linie mit dem Sonderstatus der Region zusammen, die zu den reichsten Gegenden Deutschlands zählt. Für strukturschwache Gebiete wie den Bayerischen Wald, die Oberpfalz oder in ärmeren Bundesländern, erst recht in vielen europäischen Staaten erweist sich Amerys Vorhersage hingegen in vielen Aspekten als zutreffend: die Dörfer veröden, die Jugend flieht, die Läden machen dicht, die Ärzte verschwinden.

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