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Zur Lage der Kultur : Erst verschwinden die Dörfer, dann wir

  • -Aktualisiert am
Norbert Niemann (unter der Lampe) mit Kollegen beim 10. Treffen deutschsprachiger Autoren in Lübeck

Dass diese Werke aber weiterhin existieren und von gesellschaftlichen Prozessen erzählen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit nur noch am Rande sichtbar werden, weiß ich. Denn ich habe sie gelesen. Als Autor ist mir das Privileg beschieden, im Austausch mit vielen Kollegen und Kolleginnen im In- und Ausland ständig neue Hinweise auf Werke zu bekommen, die sich ästhetisch auf der Höhe der Zeit bewegen. Und ich kann vermelden, die Entwicklungen in der internationalen Literatur sind so spannend wie seit langem nicht mehr. Nur bekommt das Lesepublikum leider nichts davon mit. Es ist nämlich zum Expertenwissen verkommen, was einmal Aufgabe des literarischen Diskurses war: künstlerische und gesellschaftliche Prozesse zusammenzudenken und so an einem von Machtinteressen unabhängigen Bild der Gegenwart mitzuarbeiten. Heute dagegen treibt die geistige Provinzialisierung, die sich zwangsläufig einstellt, wenn Diskurs und Gedächtnis als Referenzsysteme ausfallen, in einer Spiralbewegung den Prozess der Kommerzialisierung immer noch weiter voran.

Das Herzstück der westlichen Werte

Ich behaupte, ohne ihren geistigen und kulturellen Freiraum bleibt die offene demokratische Gesellschaft auf der Strecke und wird zum Trugbild. Dann existieren nur noch die von der Marktideologie beherrschte Realität - samt ihrem digitalen Netz, das sich immer enger um uns zusammenzieht - und auf der anderen Seite wir: als deren Marktplatz.

Gäbe es noch ein intellektuelles Gedächtnis, würde man sich erinnern, dass Schriftsteller und Philosophen diese Entwicklung seit Jahrzehnten beschrieben und vor ihr gewarnt haben. Heute, da die Entwicklung fast vor ihrem Abschluss steht, muss die Frage nach Verantwortlichkeit und Widerstand neu gedacht werden. Im Kontext geistiger und künstlerischer Freiheit bedeutet dies, eine Entscheidung zu treffen. Ist der neuen Herrschaftsform erst die Maske der Alternativlosigkeit entrissen, die ihr bislang Anonymität ermöglicht, stellt sie jeden Verleger und Verlagsmitarbeiter, jeden Buchverkäufer, Redakteur, Kritiker und Autor vor die Wahl, entweder für diese Freiheit trotz aller ökonomischen Zwänge einzustehen und sie mit den Mitteln des Wortes zurückzuerobern - oder als Erfüllungsgehilfe ihrem Niedergang zu dienen und die Diktatur des Marktes mit all ihren demokratiezerstörenden, ja totalitären Konsequenzen zu besiegeln. Da die marktkonformen Strukturen inzwischen den öffentlichen Raum dominieren, der für die Entfaltung des kulturellen Diskurses konstitutiv ist, steht auch die Politik in der Verantwortung darüber nachzudenken, wie sie die für eine Demokratie überlebensnotwendige Kultur des kritischen Denkens und unabhängigen Gestaltens erhalten will. Denn selbstverständlich ist sie das Herzstück der vielbeschworenen westlichen Werte. Dieses Herz schlägt nur kaum noch.

Der nigerianische Schriftsteller Teju Cole

So erscheint es auch Farouq in Teju Coles Roman „Open City“, einem Meisterwerk der jüngsten Romankunst. Darin führt der in Nigeria aufgewachsene New Yorker Autor seinen Ich-Erzähler nach Brüssel, wo er den hochgebildeten Marokkaner in einem Internetcafé kennenlernt. Farouq sitzt dort an der Kasse, ein Buch über Walter Benjamins Geschichtsbegriff neben sich. Die beiden kommen ins Gespräch, reden über arabische und afrikanische Literatur, den Zwang, orientalische oder exotische Phantasien zu bedienen, um einen westlichen Verleger zu finden, über Differenz, Malcolm X und über Europa als dem Traum ihrer Jugend. „Nicht irgendein Traum“, sagt Farouq, „sondern der Inbegriff aller Träume, der Traum von Gedankenfreiheit. Wir wollten alle hierher, in diesen Freiraum, um unseren Geist zu entfalten. Aber ich wurde enttäuscht. Europa sieht nur so aus, als wäre es frei. Der Traum war nur eine Erscheinung.“

Es ist an uns Europäern, den Traum zu retten, der immerhin stellen- und phasenweise bis vor kurzem noch Wirklichkeit für sich beanspruchen konnte.

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