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Zur Lage der Kultur : Erst verschwinden die Dörfer, dann wir

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Die Verdrängung des kulturellen Freiraums

Der ideologische Charakter dieses gesamtgesellschaftlichen Umbaus während des vergangenen Vierteljahrhunderts ist zu einer ernsthaften Bedrohung der offenen Gesellschaft geworden. Gerade indem sie vorgibt, jenseits aller Ideologien zu stehen, hat die Marktideologie begonnen, die Demokratie von innen auszuhöhlen. Ideologien sind Weltanschauungen, die Anspruch auf absolute Wahrheit erheben. Erlangen sie Macht, entwickeln sie diktatorische Züge. Ich meine: All dies trifft zu auf Geist und Praxis des ökonomistischen Zugriffs auf unsere Lebenswelten. Nur die Techniken der Befestigung und Kontrolle der Macht haben sich geändert. Alle ideologischen Systeme versuchen ihre Herrschaft dadurch zu sichern, dass sie den kulturellen Raum besetzen. In welchem Grad ein kultureller Freiraum im öffentlichen Leben existiert oder nicht existiert, daran lässt sich geradezu ablesen, wie offen eine Gesellschaft noch ist.

Nach meiner Beobachtung ist dieser kulturelle Freiraum in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr geschrumpft und in den letzten Jahren fast völlig in die Nischen abgedrängt worden. Stellt sich die Frage, wie das möglich sein konnte, trotz eines Kulturbetriebs, der in der Bundesrepublik Deutschland - nicht zuletzt aus den Erfahrungen der Nazi-Diktatur schöpfend - zwar nicht aus dem Stand, aber immerhin in einem langwierigen Prozess Strukturen aufbaute, die lange Zeit eine kritisch reflektierende Öffentlichkeit gewährleisteten. Ein unabhängiges Verlagswesen, eine dem freien Denken und dem künstlerischen Niveau verpflichtete Feuilletonlandschaft, ein dichtes Netz eigenständiger Buchhandlungen als Grundlage für ein sichtbares, in die Gesellschaft hineinwirkendes literarisches Leben zum Beispiel - das waren Errungenschaften, die eine Partizipation der Leserschaft an den zeitgenössischen Einlassungen zur gesellschaftlichen Entwicklung ermöglichten. Und in den anderen Künsten existierten vergleichbare Formationen. Warum greifen sie heute nicht mehr, um die Kultur vor der Kommerzialisierung zu schützen?

Das Prinzip der schönen neuen Marktwirtschaft

Die Idee zu meinem jüngsten Roman „Die Einzigen“, der entlang einer Paargeschichte vom Verhältnis zwischen Ökonomisierung und Kunst während des vergangenen Vierteljahrhunderts am Beispiel der Musik erzählt, verdankt sich einer Art Déjà-vu-Erlebnis: Während ich die Verwandlung des Literaturbetriebs zur Verkaufsbörse miterlebte, erinnerte ich mich, dass ich als junger Musiker und Mitglied einer experimentellen New-Wave-Band dieselbe Erfahrung in den achtziger Jahren schon einmal gemacht hatte. Damals flüchtete ich gewissermaßen in die Bastion der Literatur, die mir als uneinnehmbar erschien. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass nach „entarteter Kunst“, nach „sozialistischem Realismus“ Sprache, Reflexion, Kritik in diesem Land noch einmal zum Gegenstand von Lenkung und Bevormundung werden könnten. Und bei uns gibt es bekanntlich auch keine Polizeibehörden, Propagandaministerien oder Parteizentralen, die Zensur ausübten oder Künstler und Denker instrumentalisierten.

Das Prinzip der ökonomischen Verwertbarkeit: Es wird geschrieben, was gekauft wird

Dergleichen hat unsere schöne neue Marktwirtschaft gar nicht nötig. Das Prinzip der ökonomischen Verwertbarkeit erfasst das Zentrum des kulturellen Raums, dringt in die Steuerungsebene vor - und schon hat sie auch dort den essentiellen Teil von Herrschaftsmacht an sich gerissen, demokratische Strukturen unterlaufen, in diesem Fall die nach Kant so wichtige Funktion des intersubjektiven Austauschs. Und warum auch sollte sie ausgerechnet vor den Foren des Geistes haltmachen, wo sie doch das Fundament für diese markthinderlichen demokratischen Strukturen bilden, deren Fortbestand bedingen? Wieso sollte sie gerade dort auf Einflussnahme verzichten, wo Zusammenhänge durchschaut, zur Sprache gebracht werden, wo sich ein Potential zum Widerstand herausbilden könnte?

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