https://www.faz.net/-gqz-845rn

Zur Lage der Kultur : Erst verschwinden die Dörfer, dann wir

  • -Aktualisiert am

Der Selbstvermarktung verpflichtet

Hinter dem Slogan „Laptop und Lederhose“ von 1998 aber verbirgt sich eine subtilere Ursache dafür, dass die oberbayerische Provinz heute besser aussieht als andere und der Übergang vom Bauernland zur Suburbia von München so reibungslos funktionierte. Er hat mit zwei Ereignissen zu tun, die Amery in den siebziger Jahren nicht vorhersehen konnte: mit dem Siegeszug der Marktideologie nach dem Untergang des Kommunismus sowjetischer Prägung und mit der digitalen Revolution. Die von Roman Herzog und der CSU als vorbildlich gepriesene Entwicklung „vom Agrarland zum Hightech-Staat“ wäre unmöglich gewesen ohne die Unterstützung eines neuen Leitbilds und dessen Verbreitung über die Neuen Medien. Sein zentraler Gedanke ist so simpel, dass man ihn seit einem Vierteljahrhundert mit Wahrheit verwechselt: Die Marktwirtschaft sei die ewige Konstante in der Geschichte der Menschheit, ihre Gesetze des Wachstums und der Selbstregulierung mittels Konkurrenz die einzigen, die das Zusammenleben der Individuen und der Völker zu ihrem Wohl regelten. Auf dem Fundament dieses Credos fand statt, was als „Ökonomisierung der Gesamtgesellschaft“ inzwischen zum geflügelten Wort geworden ist.

Diese Ökonomisierung hat alle Teilbereiche unseres Lebens aber nur deshalb in so rasantem Tempo erfassen können, weil sie die Methoden des Marktes als zentrales Gestaltungsprinzip auf unser berufliches und soziales Leben ausdehnt, vor allem aber in unserem Selbstbild verankert, und weil sie mit den neuen Informationstechnologien das propagandistische Equipment besitzt, es durchzusetzen. Dies gilt selbstredend auch für die Existenz- und Organisationsformen auf unseren schönen Dörfern, die längst nicht mehr den Idealen der Versorgungsgemeinschaft, sondern der Selbstvermarktung verpflichtet sind.

Unter dem Deckmantel der Selbstoptimierung

Mit der Marktideologie ist ein neuer Identitätstypus entstanden, der den Anforderungen der durchökonomisierten Gesellschaft umfassend entspricht. Wir alle kennen diesen Typus: Er hat die Mechanismen des wirtschaftlichen Wettbewerbs verinnerlicht, die mittlerweile auch die Strukturen und Tiefenschichten unserer Arbeits- und Privatwelt erfasst haben, und wendet sie auf sich selbst an.

Einfach mit der Masse gehen: Ordnen wir uns der Ideologie des Marktes unter?

Darin liegt die neue Qualität einer Herrschaftsform, die sich vom Kapitalismus früherer Zeiten grundlegend unterscheidet. Hierbei handelt es sich weniger um eine Bemächtigung von außen als vielmehr um die Ingangsetzung eines selbstorganisatorischen Umbaus, gleichsam aus dem Inneren der Menschen selbst heraus. Die Ideologie vom totalen Markt sorgt dafür, dass der Einzelne, gleichgültig an welchem Platz in der Gesellschaft er steht, dessen Zwänge unter dem Deckmantel der Selbstoptimierung und Eigenverantwortlichkeit, des Teamspirits und der flachen Hierarchien, der Flexibilität und Kreativität als schicksalhaft unentrinnbar erfährt. So gelingt es der neuen Macht, sich zu anonymisieren und sich hinter angeblichen Systemzwängen zu verbergen. Dabei operiert sie mit Techniken, die der Philosoph Michel Foucault „Mikrophysik der Macht“ genannt hat und die uns aus der Werbung bestens vertraut sind: Ein künstlicher Horizont von Bedürfnissen und Sehnsüchten wird geschaffen, der - als Emanzipation und Befreiung inszeniert - nur durch Anpassung und Konkurrenz erreicht werden kann. Gerade die groteske Schizophrenie dieses konsumförmigen Bewusstseinsmodells macht es so schwer, die wirkenden Kräfte ideologischer Steuerung hinter den vordergründig liberal klingenden Botschaften wahrzunehmen.

Weitere Themen

Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

Die Revolution, ein böses Tier

Anfänge der Sowjetunion : Die Revolution, ein böses Tier

Das erste Jahrzehnt der Sowjetunion war ein literarisches Dorado unter Terror. Das zeigen ein Roman von Olga Forsch und Michail Prischwins Tagebücher, die vom Kampf gegen weltliche und geistige Entbehrungen erzählen.

Topmeldungen

IBMs Quantencomputer „System Q“ ist auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas zu sehen.

Quantencomputer : Die nächste Revolution

Quantencomputer können Verschlüsselungen knacken, neue Batterien entdecken und an Finanzmärkten Geld verdienen. Und das sind nur die Möglichkeiten, die bisher bekannt sind.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.