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Auf der Litcologne : Es geht hinauf zu den Sternen

  • -Aktualisiert am

Michel Faber wurde in Deutschland mit „Die Weltenwanderin“ und „Das karmesinorte Blütenblatt“ bekannt. Die Trauer um seine Frau verarbeitet er auch in dem Gedichtband „Undying“. Bild: Picture-Alliance

Der niederländische Autor Michel Faber stellt auf der Litcologne seinen neuen Roman vor. Endlich ein Buch für alle, die sich für die Liebe, unsere Erde oder das Christentum interessieren.

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          Ein vollbesetzter Saal wurde entführt. Sekundenschnell ist das geschehen, aber es gibt keinen Zweifel. Hunderte Besucher befanden sich urplötzlich in einer fernen Galaxie, betraten an der Seite des Priesters Peter Leigh den Planeten Oasis, der nicht so ideal ist, wie er klingt, aber auch ganz und gar nicht übel. Dass bei der 18. Litcologne, die bereits seit einigen Tagen läuft, etwas Außergewöhnliches passiert ist, dafür steht allein schon diese außerirdische Stille, die in jedem Theatersaal unerreichbar wäre, aber in Köln allemal: kein Husten, kein Wühlen. Kein Mucks.

          Unverhofft, so scheint es, ist da ein Verzauberungsbuch in David-Bowie-Grandezza vom Himmel gefallen, das ohne jede Angestrengtheit zeigt, wie groß, wie demiurgisch Literatur sein kann: Eine ganze Welt wird darin erschaffen, eine andere geht verloren. Es ist ein Buch des Abschieds, eine gewaltige Fabel über die Natur des Menschen, aber zugleich ein Abenteuerschmöker alter Schule. Michel Faber, der aus den Niederlanden stammende, aber seit vielen Jahren in Großbritannien lebende Autor von „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“, der nur selten Lesungen absolviert, sagte es ganz unverblümt: Er sehe nicht ein, warum ein Buch mit Anspruch weniger spannend sein sollte als ein billiger Flughafen-Thriller.

          Die Litcologne ist eines der bedeutendsten internationalen Buchfestivals in Deutschland. Sie läuft noch bis zum 17. März in Köln.
          Die Litcologne ist eines der bedeutendsten internationalen Buchfestivals in Deutschland. Sie läuft noch bis zum 17. März in Köln. : Bild: Picture-Alliance

          Noch die ganze Woche wird die quasi volljährig gewordene Litcologne, eine der größten Lesefestivals Europas, laufen, noch massig bekannte Namen von Virginie Despentes und Fernando Aramburu bis Ferdinand von Schirach und Monika Maron (nebst Busladungen voller Schauspieler) auf die Bühnen bringen, und doch war dieser Gänsehautabend mit Michel Faber ein ganz besonderer. Auch der Moderator Daniel Haas stand ergriffen vor diesem voluminösen Werk, in dem es nicht einmal einen Schurken gibt. Haas montierte zunächst an einer Eloge im Literaturkritikersound herum – „eine über die Genregrenzen hinaus gültige Weltliteratur, die fesselt, berührt, aber auch intellektuell herausfordert“ –, stoppte jedoch unvermittelt und blickte das Publikum an: „Ich lasse mal das ganze Feuilleton-Blabla und sage Ihnen: Das Buch ist der Hammer.“

          Stilles Buch mit ergreifender Emotion

          Peter ist Missionar. Sein Auftrag besteht darin, auf dem fernen, ausgebeuteten Planeten Oasis den Einheimischen – „Aliens“ sagt hier niemand – das Christentum nahezubringen. Aber er rennt offene Türen ein, die Oasier geben sich als Jesusfreunde zu erkennen. Weil sie trotz leidlich gelerntem Englisch einige Konsonanten nicht aussprechen können (Faber weiß das perfekt zu intonieren), übersetzt Peter, gewissermaßen ein neuer Luther, die von den Indigenen „Buch der seltsamen neuen Dinge“ genannte Bibel in ein Englisch ohne diese Konsonanten. Die Geschichte also wiederholt sich: Ist es unvermeidlich, dieselben Fehler zu machen?

          Mit seiner auf der problemgeplagten Erde zurückgebliebenen Frau Bea wechselt Peter derweil viele Skymails. Doch die Entfremdung der Liebenden wächst und damit die Wucht der Trauer in diesem stillen Buch, die einen so unmittelbar ergreift, dass es dafür einen Grund geben muss. Während Faber den im Original bereits 2014 erschienenen Roman verfasste, wurde bei seiner Frau Eva eine tödliche Krebserkrankung festgestellt. Wer diese Diagnose erhalte, sagte er, der lebe „auf dem Planeten Krebs“, unerreichbar weit fort für alle anderen. Diese Erfahrung sei in das Buch eingegangen. Evas Tod hat Faber inzwischen auch in dem gefeierten Gedichtband „Undying“ verarbeitet.

          In Deutschland kennt man den Autor eher wegen seiner Bücher „Die Weltenwanderin“ (2000) – mit quasi gegenteiligem Plot: Ein Außerirdischer entführt in Schottland diverse Tramper – und „Das karmesinrote Blütenblatt“ (2004) über eine viktorianische Prostituierte. Ende dieser Woche nun erscheint sein Magnum Opus in der Übersetzung von Malte Krutzsch.

          Angst der Verlage vor Science Fiction

          Es ist unverständlich, dass sich lange niemand für die deutschsprachigen Rechte an diesem Buch interessiert hat. Dahinter steht die beklagenswerte Sorge deutscher Verlage um Sortenreinheit: Wenn eine Handlung nach Science-Fiction riecht, werfen die meisten Lektoren gleich das Handtuch.

          Der feine Zürcher Verlag Kein & Aber griff jedoch zu und stattete das Buch zudem so edel aus, wie es ihm gebührt. Das musste auch der Autor anerkennen. „I mean, look at your book“, foppte ihn Daniel Haas, und in der Tat hatte Faber eine Ausgabe dabei, die wie die meisten englischen Bücher wie auf Klopapier gedruckt war. Für alle, die sich für die Liebe, unsere Erde oder für das Christentum interessieren, und auch für alle, die lange kein Buch mehr angerührt haben: Das ist er, der eine Roman, auf den Sie gewartet haben. Guten Flug.

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