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Dag Solstad wird 80 : Der große Nachdenker

  • -Aktualisiert am

Dag Solstad Bild: Bridgeman Images

Vielen gilt er als größter lebender norwegischer Autor, immer mal wieder wurde er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Jetzt wird Dag Solstad 80 Jahre alt.

          2 Min.

          Es ist hinreichend bekannt, dass der norwegische Schriftsteller Dag Solstad am 16. Juli 1941 geboren wurde. Weshalb? Er hat das Datum in den Titel eines eigenartig vor sich hin suchenden „Romans“ gehoben, in dem es vordergründig um nichts weiter geht als einen Flug zur Frankfurter Buchmesse, der ungeplant in Berlin endet, endlose Spaziergänge durch die Großbaustelle der deutschen Hauptstadt einige Jahre später und die Tour zu einem Klassentreffen in Sandefjord, für das Solstad oder zumindest die Romanfigur Solstads, die Solstad heißt und wie er ein Schriftsteller am Rande „der letzten Phase“ seines Wirkens ist, die Einladung vergessen hat.

          Tatsächlich kurvt das Buch auf einen anderen Tag zu, der im Zuge des Flanierens und Grübelns nur für einen kurzen Moment freigelegt werden kann: den 29. Januar 1953. Damals starb Solstads todkranker Vater, ein gescheiterter Kolonialwarenhändler, der sich verzweifelt und mit Blick auf ein ausgelobtes Preisgeld an der Erfindung eines Perpetuum mobiles versuchte und dem Sohn, seinem „einzigen Vertrauten“, allabendlich von jenen erzählte, die „in ihrem Bestreben, das Unmögliche zu vollbringen“, scheiterten: „Ich muss es einfach zugeben. Seit Vaters Tod war ich nicht mehr ich selbst. Ich war der Autor Dag Solstad. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und die habe ich noch nicht vollendet. Ich denke nur an meine Zukunft.“

          „Alles in meinem Leben ist Schrift“

          Dieser Autor Dag Solstad, der vielen Norwegern seit Langem als größter Literat im Land gilt, hat sich seit dem Debüt mit einer Novellensammlung im Jahr 1965 und dem preisgekrönten ersten Roman „Irr! Grönt!“ von 1969 immer wieder gewandelt. Auf die modernistische folgte eine sozialrealistische Phase, die von Solstads Begeisterung für den Kommunismus geprägt war, nach der Abwendung vom Politischen dann eine „moralisch-existenzielle“, in der melancholische, handlungsarme, von skuriller Tragikomik durchzogene Charakterstudien introvertierter Grübler erschienen wie „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ um einen Stadtkämmerer, der sich freiwillig in einen Rollstuhl begibt, „Scham und Würde“ über einen frustrierten Studienrat oder „T. Singer“ um einen Bibliothekar, der die Welt am liebsten nur beobachten würde. Und gerade „T. Singer“ soll Solstad, den man sich als Eigenbrötler und Zweifler ganz ähnlich wie die Hauptfigur vorstellt, sehr wichtig sein. Nach der Veröffentlichung dieses Buchs im Jahr 1999 hatte er das Gefühl, sein Lebenswerk abgeschlossen zu haben.

          Von wegen. Solstad schrieb weiter und schaute beim großen Nachdenken, das ihn auszeichnet und gerne mal Umwege nimmt, auch mal zurück – zögerlich in „16.7.41“ („Alles in meinem Leben ist Schrift“), ausschweifend in einem familienhistorischen Experiment namens „Das unauflösliche Element in Telemark im Zeitraum 1591–1896“, das bewusst Roman sein will und kein Sachbuch. Dazu zwei weitere Bücher um den Kämmerer Hansen.

          Inspiration fürs Lebensziel

          Von alledem wüssten wir in dieser Woche, in der Dag Solstad seinen achtzigsten Geburtstag feiert, erschreckend wenig ohne die Übersetzerin Ina Kronenberger und den Dörlemann-Verlag in Zürich. Sie haben die unbegreifliche Lücke in den deutschen Bücherregalen entdeckt und seit 2004 Dag Solstads wundersam packende Werke aus den neunziger Jahren, aber auch den aus lauter „Fußnoten zu einem unausgegrabenen Roman“ bestehenden, überraschend politischen „Armand V“ von 2006 und letztes Jahr die Spurensuche „16.7.41“ veröffentlicht. Das Original, das 2002 erschien, soll für die Welle norwegischer Autofiktion in den Jahren danach mitverantwortlich gewesen sein, auch wenn man Selbstentblößungen à la Karl Ove Knausgård nicht mit dem zurückhaltenden Solstad vergleichen kann.

          Sein norwegischer Verlag gratuliert Solstad unterdessen mit einer Sammlung von Artikeln, in denen der Wuschelkopf, der immer wieder mal als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wird, über andere Autoren nachdenkt wie Fernando Pessoa, Thomas Mann, Olav Duun, Selma Lagerlöf, Albert Camus oder Kafka. Und vor allem auch Hamsun. Seine Werke sollen dem sechzehnjährigen Solstad, der sie damals verschlang, als Lebensziel die Schriftstellerei eingeflüstert haben.

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