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„Katzensprung“ von Uwe Preuss : Alles Überflüssige raus!

Gewohnt undurchsichtig: Uwe Preuss als Kommissar Röder im „Polizeiruf 110: Familiensache“ Bild: NDR/Christine Schroeder

In seinem ersten Buch, einer Autobiographie, unternimmt der Schauspieler Uwe Preuss ein erzählerisches Experiment: Knappe Sätze, keine Psychologie. Das gelingt über weite Strecken überraschend gut.

          3 Min.

          Auf der Theaterbühne und im Film spielt Uwe Preuss meist undurchsichtige Charaktere. Er verkörpert Figuren, denen man ansieht, dass sie eine Menge erlebt haben, man weiß aber nicht genau, was, denn sie reden nicht viel. Ob als korrupter LKA-Beamter in Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“, als jovialer Leiter des Ermittlerteams im Rostocker „Polizeiruf“ oder zuletzt als maulfauler Kanzlergatte im ARD-Film „Die Getriebenen“, immer bleibt sein desillusionierter, verschlossener Blick beim Zuschauer hängen. Eine widersprüchliche Aura umgibt ihn: Er will nicht gefallen, gewinnt aber gerade dadurch an Ausstrahlung.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch Uwe Preuss persönlich hat viel erlebt. 1962 in Dresden geboren, als Sohn eines Projektingenieurs zeitweilig im brasilianischen São Paulo aufgewachsen, schlägt er sich – zur Büroarbeit als gelernter Industriekaufmann unfähig („Ich stempel doch jetzt nicht die fünftausend scheiß Scheine!“) – als Kantinenleiter, Totengräber und Hausmeister durch, bis er seine Leidenschaft für die Schauspielerei entdeckt. Dieser darf er in der DDR aber nicht nachgehen, weil er den Dienst an der Waffe verweigert. Als der Traum vom Theater platzt, will er nur noch weg, kann schließlich 1985 nach einer nervenaufreibenden Hängepartie in den Westen ausreisen, wo er doch noch Schauspiel studiert. In den Neunzigern wird er von Heiner Müller ans Berliner Ensemble engagiert.

          Nicht minder bewegt ist Preuss’ Familiengeschichte, die er in dem Buch „Katzensprung“ in fünfzehn autobiographischen Kapiteln erzählt und aus der ein Großvater hervorsticht, welcher sich nach vier Ehen und zehn Berufen von einem Raddampfer in die Elbe stürzte. Doch ein Selbstläufer ist diese Familiengeschichte nicht, dafür ist sie dann doch nicht spektakulär genug, vieles hat man so ähnlich schon gelesen. Doch schon auf den ersten Seiten stellt man erleichtert fest, dass hier keine weitere Fernsehberühmtheit mit der Haltung antritt, eine professionelle Beobachtungsgabe befähige sie auch zum literarischen Schreiben. Preuss weiß, dass er mehr bieten muss. Mutig spielt er mit der Erzählperspektive und verfolgt nebenher eine Art Experiment, das er auf dem Rückumschlag des Buchs in die knappen Worte fasst: „Alles Überflüssige raus. Keiner will alles erklärt bekommen. Auch Sinnlichkeit nicht.“

          Es geht gleich munter los. Wir folgen der rasanten Fahrradfahrt eines Fünfzehnjährigen durch halb Dresden zu Omi Gretel in die Prager Straße. Es riecht nach „Sonntagsbraten und Bohnerwachs“, und der Leser wird mit knappen Sätzen, die manchmal ein wenig an Songtexte von Ideal erinnern, in die DDR des Jahres 1979 zurückversetzt. In einer Kommode findet der junge Erzähler das Glasauge seines Opas, das nicht nur Fragen nach der Verlässlichkeit der überlieferten Familienhistorie aufwirft, sondern auch, nach einem Zeitsprung ins Jahr 1984, am Schluss des ersten Kapitels mit Wucht in die Elbe geworfen wird. Eine psychologisierende Erklärung dafür gibt es nicht, doch ein breiter Erzählraum ist geöffnet.

          Auf besondere Weise anrührend

          Der Autor folgt dem sich tragisch verdüsternden Leben des hallodrihaften Großvaters, erinnert sich, magisch-realistisch gestimmt, an die Kindheitsjahre in São Paulo, deren Höhepunkt in einem Sprung vom Zehnmeterbrett erreicht wird, der zugleich das dokumentarische Foto auf dem Umschlagbild erklärt. Die erste Liebe, die erste Theateraufführung, die erste Wohnung, ein Muttertag ohne Mutter im Jahr 2009, die Flucht in den Westen sowie eine atemraubende Rückkehr nach Dresden, nur um mit einer Freundin an der Kunsthochschule Fasching zu feiern – all das wird sehr kurzweilig, unter Missachtung der Chronologie zusammengetragen.

          Uwe Preuss: „Katzensprung“.Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2020. 176 S., geb., 20 Euro.
          Uwe Preuss: „Katzensprung“.Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2020. 176 S., geb., 20 Euro. : Bild: Verlag

          Doch vermisst man wegen des weitgehenden Verzichts auf Reflexion und Psychologie gelegentlich eine erkennbare Dramaturgie, eine Orientierung, Spannung. Das ist ein Problem, das man auch vom Nouveau Roman kennt, der ja ebenfalls konsequent auf Sinnlichkeit setzt, dabei aber immer größte Mühe hat, den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit im Detail zu zerstreuen.

          Preuss geht sogar so weit, sein inneres Erleben während einer willkürlichen Inhaftierung durch die Volkspolizei und beim Lesen seiner dicken Stasi-Akte fast völlig auszusparen. Tote Winkel wie diese führen das Erzählexperiment an seine Grenze. Denn hier wird ja nichts Überflüssiges weggelassen, sondern Entscheidendes. Zwar lässt sich betonte Kürze schwerer kritisieren als übertriebene Länge, zuweilen führt aber auch Erstere zum Verdruss, vor allem dann, wenn man als Leser ohne echte Anhaltspunkte allzu viel hinzudenken soll.

          Doch mit eigenwilligem Humor und bestechenden Beobachtungen fängt Preuss einen beim Lesen immer wieder ein. Das Schlusskapitel, „Paradies“ betitelt, ist dafür das beste Beispiel. Fragt man sich zunächst noch über viele Buchseiten hinweg, warum Preuss gerade diese Episode aus dem Jahr des Mauerfalls, eine Autoreise von Berlin über Budapest nach Bulgarien, um die Eltern zum ersten Mal nach der Ausreise wiederzusehen, mit so hingebungsvoller Detailtreue schildert, gibt man irgendwann alle Widerstände auf, lässt sich auf das Realienfeuerwerk ein wie auf einen surrealistischen Film. Es endet in einem Fiebertraum mit der Erscheinung der ersehnten Mutter, und erst an dieser Stelle wird einem klar, dass die Mutter, um deren Abwesenheit es häufig ging, die ganze Zeit über der stille Bezugspunkt war. Erst ganz zum Schluss lässt sich die von Preuss das ganze Buch über im Zaum gehaltene Sentimentalität erahnen, was sie umso stärker macht. Am Ende ist das Buch das, was es vorgeblich nicht sein will: auf eine besondere Weise anrührend.

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