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Auszug aus Schnitzlers Novelle : Später Ruhm

  • Aktualisiert am

Das Künstlerzimmer im Café Griensteidl in Wien 1896. Schnitzlers Novelle „Später Ruhm“ porträtiert eine Clique junger Wiener Künstler. Bild: picture alliance / IMAGNO/Wien M

Auszug aus der bisher unveröffentlichten Novelle „Später Ruhm“ von Arthur Schnitzler, die sich um eine Künstlerclique in Wien dreht. Die Szene spielt am Abend einer öffentlichen Lesung.

          10 Min.

          Der Vortragsabend nahte heran. Und die Stimmung war eine gehobene trotz mancher Widrigkeiten, die der Verein „Begeisterung“ zu erfahren hatte. Vor allem nahmen die Zeitungen nicht genügend Notiz von der bevorstehenden Veranstaltung. Man hatte an alle das ausführliche Programm geschickt, aber sie begnügten sich, einfach zu schreiben: „Am so und so vielten findet im Saal zum Silbernen Kreuz ein Vortragsabend des Vereins ,Begeisterung‘ statt.“ Nur ein Blatt, mit dessen Redakteur Blink gut bekannt war, druckte das ausführliche Programm ab.

          Die Abende im Kaffeehaus verliefen unter bewegten Gesprächen. Im Gasthause wurden kleine Proben abgehalten. Einmal las Bolling Gedichte von Meier, und Fräulein Gasteiner trug einen Monolog aus der „Zenobia“ des Christian vor.

          Sie wurde bejubelt. Saxberger war immer mit ihnen. Man benahm sich gegen ihn außerordentlich freundlich und hochachtungsvoll. Nur wollte es ihm bedünken, dass der ehrerbietige Ton der ersten Zeit nicht mehr vorhanden war. Doch er erklärte sich das. Er war nun so gut befreundet mit den jungen Leuten, dass die Ehrfurcht, die ja zugleich eine gewisse Fremdheit voraussetzt, wegfallen musste. Er fühlte sich sehr wohl unter ihnen. Fräulein Gasteiner kam nicht regelmäßig. Wenn sie aber da war, setzte sie sich fast immer an seine Seite und pflegte ihn mit einem Blick anzusehen, in dem etwas Treues und Herzliches liegen sollte. Zuweilen redete sie ihn mit „Meister“ an, und einmal, wie sie allein nebeneinander auf der Straße gingen, sagte sie ihm: „Mein lieber, lieber Meister!“

          An dem letzten Abend wurde er von Meier gefragt, ob er „unter seinen Freunden“ für den Abend tätig gewesen wäre. Er verstand anfangs nicht recht. Dann merkte er, dass auch er eigentlich einige Karten hätte anbringen sollen. „Ich hab ja keine Freunde“, meinte er. „Aber“, entgegnete Meier, „Sie müssen doch gerade in Ihren Kreisen einen großen Anhang haben?“

          „Mein Kreis“, sagte er - „die interessierten sich grad für - Poesie!“ Und er erzählte dem jungen Manne von seinem Gespräch mit Grossinger.

          Meier lächelte. „Sie hätten sich doch nicht so ablehnend verhalten sollen. Was die Herren sich denken, ist einerlei. Wenn sie einmal drinsitzen, sind sie ja doch Publikum, und das ist’s, was wir brauchen ... Je mehr, je besser.“

          Dieser Abend endete wieder einmal in vorgerückter Stunde sehr schön, nämlich mit einem Trinkspruch Staufners auf „unsern“ Saxberger.

          Den nächsten Tag verbrachte Saxberger in angenehmer und ruhiger Stimmung. Er freute sich auf den Abend, auf die Vorlesung seiner Gedichte, auf den Applaus. An die andern dachte er eigentlich wenig. Aber was hatten die noch alle vor sich! Ein ganzes Leben. Immerhin manches mochte auch noch vor ihm liegen. Wenn Fräulein Gasteiner doch recht gehabt hätte und wenn der Ruhm ... nein, nein, er wollte lieber nicht zu viel erwarten.

          Eine halbe Stunde vor Beginn war er beim „Silbernen Kreuz“ angelangt. Er musste den Hausflur, den Hof und einen kurzen Gang durchschreiten, in dem sich die Garderobe befand, um zur Saaltüre zu gelangen. Hier standen bereits Meier und Winder. Neben ihnen ein Hausdiener mit etwas zu langen, gewirkten, weißen Handschuhen, der die Karten abnehmen sollte. Im Gang schien noch der ganze Geruch des eben vergangenen Faschings zu liegen. (Kleine Tanzunterhaltungen pflegten hier abgehalten zu werden.) Es roch nach Bier, Tabak, mindern Parfums, nach feuchten Kleidern, modrigem Holz und Gas.

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