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Ausstellung über „Die Seele“ : Eine Schichtung der Zeit im Raum

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Geburtstagsgeschenk zu Siegfried Unselds Fünfzigstem: Peter Handkes „Stunde der wahren Empfindung“ von 1974 Bild: DLA Marbach

Zum sechzigsten Geburtstag des Deutschen Literaturarchivs hält in Marbach eine neue Dauerausstellung Einzug. Ihr Thema: „Die Seele“. Doch die eröffnet sich im Literaturmuseum nur mit Smartphonehilfe.

          4 Min.

          Was fällt Ihnen zu Harry Graf Kesslers Aufsatz über „Kunst und Religion“ von 1899 ein? Zu Gottfried Benns 1951 notiertem Gedicht „Satzbau“? Oder zu W. G. Sebalds taschengroßer Kamera, die er bis zu seinem Unfalltod 2001 immer dabei hatte? Ganz sicher lauten die Antworten nicht: Rhythmusmathematik, Handantrieb und Gegenwartseinfrierer. Trotzdem könnten diese Schlagworte oder „Seelenfänger“, wie sie im aufgeladenen Marbachspeak heißen, künftig als eine Art Kurzbefehl ans Gedächtnis funktionieren, um sich beispielsweise daran zu erinnern, dass Kessler seine komplizierte Rückführung des Ästhetischen auf die Religion beruhigenderweise später selbst nicht mehr nachvollziehen konnte, dass der auf Haut- und Geschlechtskrankheiten spezialisierte Arzt Benn Kunst schon mal auf einen „formalen Priapismus“ reduzierte oder dass Sebald den Fotoapparat als Gedächtnisstütze verwendete - lange bevor die meisten Menschen statt einer Notiz lieber einen Schnappschuss machen.

          Die neue Dauerausstellung des Literaturmuseums Marbach funktioniert wie ein Thesaurus: Offensiv auf Assoziationen setzend, der Verknüpfung von Naheliegendem mit Verblüffendem, führt sie anhand von 280 ihrer insgesamt fünfzig Millionen Archivalien durch das zwanzigste Jahrhundert; bei Kessler, Benn und Sebald handelt es sich um das erste, mittlere und letzte Exponat. „Nexus“, die letzte Dauerausstellung, währte neun Jahre; rechtzeitig zum sechzigsten Geburtstag des Archivs im Juli hält nun „Die Seele“ Einzug im dunklen und kühlen, Besucher wie Papiere frischhaltenden Saal im Untergeschoss.

          Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Neuerwerbungen, Nach- und Vorlässe der letzten Jahre – im Bild: Materialien zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht-Anthologie „Museum der modernen Poesie“ (1960)

          Außer der zurückhaltenden Anmutung der Vitrinenkästen - die Flachware Literatur verweigert sich nun mal der Inszenierung - ist an der neuen Ausstellung fast alles anders. Die Zahl der Exponate von zuvor knapp vierzehnhundert drastisch reduziert. Die konzentrierte Auswahl besteht zu vier Fünfteln aus Neuerwerbungen der letzten zehn Jahre: Hier wird offenbar, welch geistiger Zuwachs die Akquise der Verlagsarchive Insel und Suhrkamp, der Ankauf der Ottla-Briefe Kafkas, des Nachlasses von Friedrich Kittler oder des Vorlasses von Hans Magnus Enzensberger bedeuten. Das Netz der Verknüpfungen ist aber nicht nur dichter geworden, es greift auch weiter aus. In der Schau steht die deutsche mit anderen Literaturen in vielfältigem Kontakt. Zu dem Ordnungsgefühl, das sich trotz der kreuz und quer durch Zeit und Raum geschlagenen Bezüge und Beziehungen einstellt, trägt womöglich bei, dass es heute leichter fällt als noch vor neun Jahren, das zwanzigste Jahrhundert - hier beginnend im Jahr 1899 und endend 2001 - tatsächlich als abgeschlossen zu betrachten. Zugleich wurde die Chronologie räumlich geöffnet. Der Weg von 1899 zu 1933 ist mit nur wenigen Schritten so kurz wie der von 1926 ins Jahr 1969 und damit ebenso verblüffend naheliegend wie der von 1979 nach 1998.

          Die Nähe verstärkt den Eindruck der Gleichzeitigkeit. Man flaniert durch die wispernde Zeit wie durch eine Neubausiedlung, in der in lauter uniformen Häusern die erstaunlichsten WGs beheimatet sind: Da residieren 1997 etwa Bernhard Schlink („Der Vorleser“), Robert Gernhardt („Gittis Hirsch“), Martin Walser („Ein springender Brunnen“) und Hans Ulrich Gumbrecht („1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“) unter einem Dach. Gleich nebenan beäugen sich Judith Schalanskys Spickzettel, ein Brief Erwin Strittmatters an einen Deutsch-Leistungskurs und Peter Rühmkorfs Büchner-Ausgabe. Ein anderes „Haus“ besetzen 1977/78 Peter Handke, F. C. Delius und Jörg Fauser.

          Smart Camera: W. G: Sebald nutzte seinen Fotoapparat als Gedächtnisstütze.

          Eine Schichtung der Zeit im Raum! Doch um sinnfällig zu werden, müssen die subkutanen Verbindungen zwischen Autoren, Werken und Themen kenntlich gemacht werden. Ob als Buch oder im Museum: Es liegt am Leser, was er aus Literatur macht. Mit dieser Notwendigkeit geht die Ausstellung offensiv um. Von ausführlichen Beschriftungen und Erläuterungen hat man sich verabschiedet; stattdessen gibt es nur knappe Angaben von Jahreszahl, Autorenname (oft sogar ohne Vorname) und Werktitel. Erst die Neologismen, die die Museumsleiterin und Kuratorin Heike Gfrereis jedem Stück emblematisch an die Seite gestellt hat, führen ins Innere, eben zur Seele des Gezeigten.

          Doch wo „Zarathustragesicht“ zu Nietzsches Totenmaske noch jedem einleuchtet, wird es mit „Durchschnittsschwindel“ bei Kafkas Abiturzeugnis oder „Schriftschreck“ bei einem Brief der „Frankfurter Zeitung“ an Walter Benjamin (Kürzestinhalt: Schreiben Sie weiter, nur nicht an uns) schon schwieriger. Zwar gibt es zur Ausstellung die traditionelle „Hardware“, also einen ausführlichen Katalog, der die Beschreibung der Exponate weniger lehrbuchhaft als literarisch unternimmt. Da man im gedämpften Licht die Kleinschrift aber ohnehin kaum entziffern könnte, setzt Marbach zur Erschließung der Objekte vor allem auf eine App, die pünktlich zur Eröffnung der Schau an diesem Sonntag verfügbar sein soll. Dort lässt sich jedes Objekt viel näher anschauen und heranzoomen, als es die Vitrine erlaubt. Per App, die durch aufwendige Verschlagwortung das Assoziative des Museumsbesuchs professionell nachahmt, ist es auch leichter, Verwandtschaften abzubilden. Wer nach „Kafka“ sucht, bekommt alle dreizehn Kafka-Exponate auf einen Blick - und dazu all jene, die sich auf Kafka beziehen.

          Blick in die neue Dauerausstellung: Die Flachware Buch verweigert sich der Inszenierung

          Das Argument, dass es für Marbach wichtiger ist, dass Literaturinteressierte in aller Welt die Bestände erleben und sich auf sie beziehen können, als dass mehr als die durchschnittlich 60:000 Besucher im Jahr die Reise an den Neckar antreten, leuchtet ein. Dennoch erscheint es zumindest riskant, eine Schau einzurichten, die ohne Smartphonehilfe ein Schatten ihrer selbst bleibt. Da man nur sieht, was man weiß, entfaltet etwa eine Manuskriptnachbarschaft wie die von Bernward Vespers „Reise“ (Stichwort „Sprachtrip“) und Ernst Jüngers „Annäherungen. Drogen und Rausch“ („Blütenregion“) erst dann ihren ganzen Reiz, wenn man erfährt, dass beide 1969 mit LSD experimentierten - und dass Vespers imposante Krakelzeichnungen aus einer einzigen Linie während seiner Trips entstanden sind. Ob die Seele sich per Fingertipp leichter finden lässt als mit bloßem Auge? Unten im Literaturmuseum gibt es jedenfalls kaum Handyempfang.

          Das Literaturmuseum der Moderne,  links neben dem Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar

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