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Ausstellung in Marbach : Was das Eselsohr verrät

Herrenlos: Hildegard Knefs Autobiographie wurde ebenso in der Bahn vergessen wie eine Biographie James Deans. Bild: DLA

Bekritzelt, vergessen, gestohlen – oder doch gelesen? Bücher erfüllen gleich mehrere Zwecke. Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach erzählt eine fesselnde Geschichte der benutzten Bücher.

          Wer liest, sucht Stille und bewegt sich kaum. Man sitzt, liegt oder steht, denn schon im Gehen wird die Lektüre zur Herausforderung. Dabei verkörpern gerade Bücher unsere Vorstellung von Veränderung und Freiheit in besonderem Maße. Weil wir lesend „wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne“, wie Jean Paul notierte. Und weil das Buch als kleinster denkbarer Gedankencontainer sich überallhin mitnehmen lässt – selbst in entlegenste Weltgegenden jenseits der Steckdosenzone. Die Poetik des Blätterns erlaubt zudem jede Herangehensweise an den Inhalt: kreuz und quer, von hinten nach vorn oder mit großen Sprüngen durch den Text. Aber manchmal nimmt auch das Buch selbst an Fahrt auf, buchstäblich, verstaubt nicht, sondern macht sich aus dem Staub. Das gelesene, vergessene, zerrissene oder gestohlene Buch in all seinen inneren und äußeren Bewegungsformen ist in der neuen Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu entdecken.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der ästhetischen Topologie des Buches über drei Jahrhunderte hinweg gewidmet, gehört die Schau zu den größten Ausstellungen, die Marbach je gezeigt hat. Unter den Kapiteln „Höhle und Falte“, „Blatt und Untergrund“ und „Löcher und Schneisen“ haben die Kuratoren Heike Gfrereis und Dietmar Jaegle mehr als hundert Exponate und mehrere tausend Bücher in Bodenkisten, Wandregalen und runden Vitrinen geschickt versammelt, die, im Raum verteilt, nicht zufällig an Rotationsmaschinen erinnern. Zu sehen sind keine prachtvollen Erst- oder Vorzugsausgaben, kostbaren Manuskripte oder bibliophile Schätze, sondern Bücher mit Gebrauchsspuren. Was erzählt wird, ist eine Geschichte der gelesenen Bücher. Und sie erweist sich als so spannend wie das Schicksal von Michael Crichtons ausgestelltem Roman „Enthüllung“, den Gefangene der Justizvollzugsanstalt Münster mit einem geheimen Versteck für Schmuggelware versehen hatten.

          Kleine Gedankencontainer jenseits der Steckdosenzone: Blick in die Ausstellung „Das bewegte Buch“.

          Wie sehr gebrauchte Bücher fesseln können, weiß, wer einmal in einem antiquarisch erworbenen Buch auf Spuren früherer Besitzer gestoßen ist. Die „Bristol Friendly Society“, deren Gespräch über Literatur immerhin schon seit 1799 andauert, hat dafür ein eigenes System entwickelt: Deren Mitglieder schicken einander ausgewählte Titel nach der Lektüre per Post zu, jeweils versehen mit eingelegten Kärtchen, auf denen ihr Urteil notiert ist. Und noch schräger gehen Millionen Mitglieder von „Bookcrossing“ vor. Nach der Maxime „Sperr deine Bücher nicht ein – lies sie und lass sie frei“ lassen sie ihre Bücher auf Parkbänken, in Cafés oder in der Straßenbahn liegen und notieren dies online. Tun es ihnen die Finder gleich, können die bibliophilen Geocacher live mitverfolgen, wie ihre Bücher durch Raum und Zeit zirkulieren.

          Reale und imaginäre Landschaften

          Kritzeleien, geheime Botschaften, in der Bahn vergessen; was Menschen mit und in Büchern machen, verrät ihre Nutzung: wie Bücher zur Schwelle für Gedanken, zur Bühne für andere Welten, zum Museum, Begleiter oder Gedächtnis werden können. Als dramatisches Fluchtmittel erweist sich in Marbach eine Ausgabe von Dostojewskis „Brüder Karamasow“. Der Schriftsteller Konrad Merz las den Roman in einem Schrank im niederländischen Ilpendam. Dort hatte er sich bei Freunden vor den Nationalsozialisten versteckt. Als Rettungsfahrzeug nahmen womöglich auch die zur Immobilität gezwungenen Leser der JVA Münster die Titel ihrer Bibliothek wahr. Jedenfalls weist der Bestand im Vergleich zu anderen Bibliotheken in Marbach die meisten Gebrauchsspuren auf.

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