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Ausstellung : Bauamt für Luftschlösser

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Keine exakte Transformation: Modell des Wohnkegels aus Thomas Bernhards „Die Korrektur” Bild: Architekturmusem der TU München

„Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses“, schrieb Franz Kafka einst. Jetzt geht eine Münchner Ausstellung architektonischen Visionen in der Literatur nach - von Babel bis Zamonien, von Thomas Bernhard bis zur Comic-Kunst.

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          „Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses“, schrieb Franz Kafka in einem Brief vom 9. November 1903 an Oskar Pollak. Kafkas Satz, zu lesen im Eingangsbereich zur Ausstellung „Architektur wie sie im Buche steht“, die derzeit im Architekturmuseum der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne gezeigt wird, verweist auf die mit jeder Lektüre verbundenen Erkenntnismöglichkeiten. Gebäude und Räume werden oft als Metaphern des Denkens gebraucht. Doch wovon spricht ein Autor, wenn er von einem konkreten Haus spricht, einen bestimmten Raum, eine Stadt oder eine Konstruktion beschreibt?

          Dabei ist die Ausgangsfrage, aus der sich die Ausstellung entwickelte, zunächst klar fassbar: Wie stellen sich Schriftsteller die von ihnen erfundene Architektur vor? Im Rahmen eines Seminars sollten Studenten architektonische Schilderungen eines bestimmten literarischen Werkes auswählen und nach den Beschreibungen so exakt wie möglich Zeichnungen, ein Modell oder eine Animation fertigen. Man sieht den in der Ausstellung präsentierten Ergebnissen, die zugleich die technischen Möglichkeiten der Architektursimulation heute dokumentieren, zunächst nicht an, dass sich viele der literarisch imaginierten Architekturen einer exakten Materialisierung entziehen. Die ausgestellten Modelle, etwa der Wohnkegel des Architekten Roithamer aus Thomas Bernhards „Korrektur“, sind keine exakten Transformationen, da sich Bernhards Beschreibung trotz äußerst präziser Angaben der exakten Umsetzung verweigert.

          Schubladen, beschriftet, aber unaufgeräumt

          Viele der poetischen Luftschlösser bleiben flüchtig, wie etwa das Schloss aus Kafkas gleichnamigem Roman, in der Beschreibung weit atmosphärischer als in der konkreten Umsetzung. Der Übersetzung einer beschriebenen in reale Architektur sind Grenzen gesetzt, der Endlichkeit des architektonischen Raumes steht stets die prinzipielle Offenheit des dichterischen Denk-Raumes gegenüber.

          Gleich eine ersonnene Insel: Arno Schmidts Skizze zur „Gelehrtenrepublik”, 1956

          Dass die Ausstellung sich mit ihren „Übersetzungsversuchen“ solchen Überlegungen öffnet, macht ihren Reiz und ihre Stärke aus. In den Untersektionen wie „Legendäre und sagenumwobene Orte“, „Handlungsräume und Tatorte“, „Ideale Städte - Ideale Gemeinschaften“ oder auch „Comicwelten und Fantastic Spaces“ werden Aspekte des komplexen Zusammenhangs genauer ausgemessen. Diese Sektionen ähneln, darin durchaus ihrem verzweigten Gegenstand angemessen, mitunter beschrifteten Schubladen, in denen es nicht ganz so aufgeräumt zugeht, wie es das Etikett verspricht. Man kann aber wunderbar darin kramen, sich zu Assoziationen anregen, den Zauber von über vierhundert, teilweise erstmals präsentierten Exponaten auf sich wirken lassen. Bei Bedarf liefern die im hervorragenden Katalog versammelten fünfzehn Aufsätze eine theoretische Unterfütterung und Systematisierung des gezeigten Materials nach.

          Zwischen Babel und Zamonien

          Klar nachzuvollziehen ist der Wandel, in dessen Verlauf aus den wenig konkreten literarischen Beschreibungen von Architektur (das Heilige Jerusalem, der Turm von Babel, die Gralsburg) Darstellungen mythischer und legendärer Orte und Gebäude höchst heterogenen Charakters entstehen. Durch die vom Roman „Hypnerotomachia Poliphili“ (1499) eingeleitete Wende, bei der erstmals aus architektonischen Konstruktionen bedeutungstragende Teile der Handlung abgeleitet werden, gewinnt die architektonische Konstruktion an Bedeutung und wird zur Moderne hin zu einem konstruktiven Prinzip des Erzählens.

          Etwa in Umberto Ecos „Der Name der Rose“, wo dem Text ein strenges, Ort, Zeit und Handlung zu einer Einheit fassendes Kompositionsschema zugrunde liegt, bei dem die Architektur Trägerin der Handlung wird (Ecos Skizzen auf rosafarbenem Papier werden erstmals gezeigt), oder in Georges Perecs Roman „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, in dem die graphisch-pikturale Anordnung der Zimmer eines großen Pariser Mietshauses nicht nur den Rahmen der Handlung bestimmt, sondern die Handlung überhaupt erst hervorbringt. Besonders sehenswert sind auch die Exponate, die literarische Utopien und Schreckvisionen vorstellen. Zu sehen sind Bilder und Texte zu Jonathan Swifts fliegender Insel Laputa („Gullivers Reisen“), zu Ernst Jüngers „Heliopolis“ oder Walter Moers' Kontinent Zamonien.

          Eines wird schmerzlich vermisst: Raum

          Paul Scheerbarts utopische Romankonzepte und seine Ausführungen zur „Glas-architektur“, die von dem vom Baustoff Glas begeisterten Architekten Bruno Taut emphatisch aufgenommen und realisiert wurden, illustrieren eine wiederholt ausgetragene ideologische Kontroverse unter Architekten nach der Wahl des angemessenen Baumaterials. Scheerbart, der mit seinem Asteroiden-Roman „Lesabéndio“ (1913) eine poetische Phantasie über alternative Lebensformen erschuf, ließ der Verwendung von buntem Glas eine zentrale Bedeutung in seiner Utopie zukommen, die Gebrüder Taut entwarfen daraufhin gemäß Scheerbarts Versen „Das Glas bringt uns die neue Zeit / Backsteinkultur tut uns nur leid“ strahlende farbige Bauten aus buntem Glas.

          „Architektur wie sie im Buche steht“ steckt voller Architektur- und Literaturgeschichte. Man sollte genügend Zeit mitbringen, dem Verweisungsreichtum der Ausstellung nachzuspüren, die sich eignet, „fremde Säle des eigenen Schlosses“ aufzuschließen. Leider sind die zum Teil erstmals gezeigten Exponate aus Architektur, Literatur und der Bildenden Kunst auf einer sehr kleinen Fläche zusammengedrängt, da dem Architekturmuseum in dem als Ganzes so großzügigen Braunfels'schen Gebäude nur ein kleiner Teil der Gesamtfläche zur Verfügung steht. Wo Raum in einer so facettenreichen Ausstellung eine derart zentrale Rolle spielt, wird sein Fehlen besonders schmerzlich vermisst.

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