https://www.faz.net/-gqz-rz0p

Ausstellung : „Arno Schmidt? - Allerdings!“

Verkannt, verehrt, jetzt ausgestellt: Arno Schmidt Bild: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Er war einer der geheimnisvollsten Dichter des 20. Jahrhunderts: Jetzt feiert das Deutsche Literaturarchiv den zeitlebens umstrittenen Heidebewohner Arno Schmidt in einer großen Sonderausstellung - unaufgeregt, packend, multimedial.

          5 Min.

          In Marbach habe er „noch einen Meisterstreich führen können“, schreibt Arno Schmidt an Alfred Andersch: „Schriftlich am 8.6.55 haben sie mirs gegeben, daß das Deutsche Schiller-National-Museum alle meine Manuskripte, Tagebücher, Briefsammlungen etc. in seine Obhut nehmen will : gezeichnet vom Direktor, Dr. Zeller, der dazu noch die Lektüre der ,Pocahontas' mündlich eingestand!: vielleicht können wir das Schriftstück auch noch einmal brauchen? -“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Er brauchte es nicht mehr, denn im Prozeß wegen vermuteter „Pornographie und Gotteslästerung“ in Schmidts 1955 erschienener „Seelandschaft mit Pocahontas“ wurde der Autor zuletzt auch ohne den Ritterschlag aus Marbach freigesprochen. Allerdings wurde aus der Obhut dann ebenfalls nichts. Zwar kaufte das Archiv Fouque-Handschriften aus Schmidts Besitz, aber der Verkauf der eigenen Texte, Briefe und Tagebücher kam aus finanziellen Gründen nicht zustande. Dabei hatte Schmidt durchaus Sinn für die Auszeichnung, die schon in den Verhandlungen lag: „Für einen berufenen Schund= und Schmutz=Autor wie mich“, schreibt er nur oberflächlich ironisch dem Freund Wilhelm Michels, sei es „sicherlich keine schlechte Perspektive, wenn seine Manuskripte unweit von denen des großen Friedrich Schiller liegen werden, gleich wenn man reinkommt rechts. Morgen gehen die ersten Kartons dorthin ab.“

          Ein Koffer in Marbach

          Vielleicht waren Schmidts Texte da schon weiter als ihr Autor. Wenigstens erhält im Jenseitsroman „Tina“ der Erzähler von seinem Cicerone den dringenden Rat: „Nichts Archiven anvertrauen!“ („,Ogott: ich habe 1 Exemplar nach Marbach gegeben!' stöhnte ich entsetzt. ,Na dann!!' gratulierte er grimmig.“) Wie es jedenfalls um unsere Kenntnis und unser Bild des Autors bestellt wäre, gäbe es die Arno-Schmidt-Stiftung nicht, die im Bargfelder Wohnhaus des 1979 gestorbenen Dichters frei, pekuniär ordentlich ausgestattet und mit sorgfältigem Elan über seinen Nachlaß gebietet, ist nicht auszudenken. Ganz sicher trüge die große Ausstellung, die dem Autor jetzt in Marbach gewidmet ist, völlig andere Züge. Wenn es sie denn überhaupt gäbe, denn drei der Kuratoren, Susanne Fischer, Friedrich Forssman und Bernd Rauschenbach (zu denen noch Petra Lutz stieß), haben ihren Sachverstand in langen Jahren der Arbeit für die Arno-Schmidt-Stiftung erworben.

          „Ogott: ich habe 1 Exemplar nach Marbach gegeben!”

          So aber ist der vertraute neobarocke Museumsbau nicht wiederzuerkennen, wenigstens von innen. Die Ausstellung, die ursprünglich für das neue Literaturmuseum der Moderne konzipiert worden war (F.A.Z. vom 27. Dezember) und nun doch an diesem Ort zu sehen ist, schafft sich ihre eigene Umgebung, zieht Wände, Decken, Böden ein oder errichtet gleich einen kleinen Treppenturm. Und wo sie sich doch zu einem unübersehbaren Dialog mit dem Gebäude bereitfindet, ist sie sich des Spannungsverhältnisses zwischen der Tradition des Ortes und ihrem Gegenstand, der bekanntlich dem Namengeber des Archivs nichts abgewinnen mochte, wohlbewußt: Über der Schiller-Büste im Treppenaufgang liest man das projizierte Ausstellungsmotto „Arno Schmidt? - Allerdings!“

          Da strahlen Details aus Wurzeln oder Gestrüpp

          Das ist vielleicht die offensichtlichste Provokation, das deutlichste Spiel mit dem Nimbus des genialen, einst verkannten, später verehrten, heute mit etwas mehr Gelassenheit rezipierten Autors, das sich die Kuratoren leisten. Was nämlich nach diesem Auftakt in den elf Räumen und dem Turm vor sich geht, ist ein Wechsel von biographischer Darstellung und themenbezogenen Stationen, wie er sich unaufgeregter und dabei packender kaum denken läßt. Eine entscheidende Rolle dabei spielt das Licht, das mal als Wort- oder Bildprojektion in verdunkelten Räumen, dann wieder mit Tageslichtqualitäten die Wandtafeln zur Biographie oder den Raum mit Schmidts Arbeitsmaterial ausleuchtet.

          Am schönsten aber zeigt sich dieser sichere Griff des Gestalters Heinz Kasper in einem Abschnitt, der dem Landschaftsschilderer Schmidt gewidmet ist: Die erstaunlichen Dias, die der Autor in Wald und Wiese, Wohnhaus und Dorfstraße aufgenommen hat (und die ein vor drei Jahren bei Suhrkamp erschienener Fotoband feiert), hängen als rückwärts beleuchtete, ordentlich vergrößerte Glasplatten an diskret angestrahlten Metallketten von der Decke und verwischen in jedem Detail den Übergang von der aufgenommenen zur stilisierten Landschaft. Da sind Wälder, die sich zum oberen Bildrand hin im Nichts verlieren wie die Metallketten, die sie tragen, da strahlen Details aus Wurzeln oder Gestrüpp, und auf einmal sieht man den Fotografen Schmidt neben dem großen Naturverfremder durch Sprache.

          Programmatische Klangirritation

          Ein anderer Raum meistert umgekehrt die Aufgabe, Schmidts Sprachmagie optisch erfahrbar zu machen, indem auf sechs von Stefan Matlik eingerichteten gebogenen Monitoren einzelne Worte oder Sätze des Autors auftauchen, im Lese- und Verständnisrhythmus verharren und dann verschwimmen - später wird man sich dann auf ähnliche Weise Schmidts Mondmetaphern ausgesetzt fühlen, und beidesmal ist ein Moment von Überwältigung spürbar.

          Am deutlichsten zeigt sich dieser Wille zum medialen Verzahnen von Sprache und Bild in einem famosen Zimmer, das dem Einfluß der großen Politik auf Schmidts Weltbild nachgeht: drei Monitore, drei Richtlautsprecher, deren Botschaft man nur versteht, wenn man sich direkt unter ihnen befindet. Andernorts ist der Raum mit einem programmatisch störenden akustischen Brei erfüllt, einem Hintergrundgrummeln, dem man sowenig entkommt wie Schmidt den Auswirkungen dessen, was jenseits von Bargfeld erdacht und beschlossen wurde. In seinem Werk lamentieren noch Urlaubsreisende und Liebende über Adenauer, die Wiederaufrüstung oder die vergangenen Kriegsgreuel, die fortwährend präsent bleiben, ob man will oder nicht (aber wer will schon?), und die Stimmung des Raums transportiert diese Irritation äußerst beeindruckend. Wer nun näher an die Lautsprecher und die dazugehörigen Monitore herantritt, wer also statt der diffusen Störung den Feind ins Auge faßt, erlebt die Themenbereiche „Krieg“, „Nachkrieg“ und „Utopie“, wie Schmidt sie in Worte faßte und wie Bilder, die Jan Philipp Reemtsma zusammen mit Michael Kloft von „Spiegel TV“ ausgewählt hat, sie zeigen.

          Mit dem Tandem im Gleichklang

          Oft sind das Kontraste, manchmal Ergänzungen, ganz selten Illustrationen zu den Zitaten etwa aus „Schwarze Spiegel“ oder „Leviathan“, immer aber fügen die Bilder der immens bildmächtigen Sprache Schmidts etwas neues hinzu - und umgekehrt: Das bekannte Foto, das den Autor am Waldrand allein auf einem Tandem zeigt, gewinnt im Einklang mit einer Lesung aus dem Endzeitroman „Schwarze Spiegel“ eine geradezu unheimliche Note, liest man es doch dabei als Abbildung des letzten Menschen auf der verzweifelten Suche nach einem, der die leere Stelle ausfüllen könnte. Filmsequenzen mit Bombenabwürfen aus einem amerikanischen Siegerfilm stehen der umgekehrten Perspektive der Sprache gegenüber, fallende Bomben im Bild also einschlagenden im Wort, und die auftrumpfende HJ des „Leviathan“ findet ihr Pendant in den jämmerlichen Filmaufnahmen von Hitlers letztem Aufgebot.

          Der Wechsel zwischen sinnlicher Erfahrung und gelassener Informationsvermittlung, den die Ausstellung vermittelt, bewährt sich Raum für Raum: Ob man im Rondell des roten Turms einander gegenübersitzt und kollektiv einer Abfolge von sehr komischen Sottisen lauscht, die alle um die Person des Autors kreisen, ob man die legendären Zettelkästen durch die geschickte Darbietung unter flachen Acrylkästen beinahe anzufassen meint, sich in den privaten Fotos verliert, die Schmidt etwa dabei zeigen, wie er mit Kindern einen Drachen steigen läßt, oder bestürzt die Ausschnitte aus Modeprospekten entdeckt, die dann Figuren wie der Nymphe Franziska aus „Zettels Traum“ zum Vorbild dienten - all dies ist Teil einer gelungenen Schau, die ihren Gegenstand liebevoll ernst nimmt. Und der ist, kein Zweifel, dieser Zuwendung auch wert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung im Lake Charles Civic Center.

          Amerika : Vereinzelte Republikaner wenden sich gegen Trump

          Einzelne Republikaner erwägen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu unterstützen. Die Mehrheit steht nach wie vor hinter ihrem Präsidenten und will das auch mit einer offiziellen Abstimmung bestätigen.
          Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

          Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

          Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.