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Ausstellung : „Arno Schmidt? - Allerdings!“

Am schönsten aber zeigt sich dieser sichere Griff des Gestalters Heinz Kasper in einem Abschnitt, der dem Landschaftsschilderer Schmidt gewidmet ist: Die erstaunlichen Dias, die der Autor in Wald und Wiese, Wohnhaus und Dorfstraße aufgenommen hat (und die ein vor drei Jahren bei Suhrkamp erschienener Fotoband feiert), hängen als rückwärts beleuchtete, ordentlich vergrößerte Glasplatten an diskret angestrahlten Metallketten von der Decke und verwischen in jedem Detail den Übergang von der aufgenommenen zur stilisierten Landschaft. Da sind Wälder, die sich zum oberen Bildrand hin im Nichts verlieren wie die Metallketten, die sie tragen, da strahlen Details aus Wurzeln oder Gestrüpp, und auf einmal sieht man den Fotografen Schmidt neben dem großen Naturverfremder durch Sprache.

Programmatische Klangirritation

Ein anderer Raum meistert umgekehrt die Aufgabe, Schmidts Sprachmagie optisch erfahrbar zu machen, indem auf sechs von Stefan Matlik eingerichteten gebogenen Monitoren einzelne Worte oder Sätze des Autors auftauchen, im Lese- und Verständnisrhythmus verharren und dann verschwimmen - später wird man sich dann auf ähnliche Weise Schmidts Mondmetaphern ausgesetzt fühlen, und beidesmal ist ein Moment von Überwältigung spürbar.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Wille zum medialen Verzahnen von Sprache und Bild in einem famosen Zimmer, das dem Einfluß der großen Politik auf Schmidts Weltbild nachgeht: drei Monitore, drei Richtlautsprecher, deren Botschaft man nur versteht, wenn man sich direkt unter ihnen befindet. Andernorts ist der Raum mit einem programmatisch störenden akustischen Brei erfüllt, einem Hintergrundgrummeln, dem man sowenig entkommt wie Schmidt den Auswirkungen dessen, was jenseits von Bargfeld erdacht und beschlossen wurde. In seinem Werk lamentieren noch Urlaubsreisende und Liebende über Adenauer, die Wiederaufrüstung oder die vergangenen Kriegsgreuel, die fortwährend präsent bleiben, ob man will oder nicht (aber wer will schon?), und die Stimmung des Raums transportiert diese Irritation äußerst beeindruckend. Wer nun näher an die Lautsprecher und die dazugehörigen Monitore herantritt, wer also statt der diffusen Störung den Feind ins Auge faßt, erlebt die Themenbereiche „Krieg“, „Nachkrieg“ und „Utopie“, wie Schmidt sie in Worte faßte und wie Bilder, die Jan Philipp Reemtsma zusammen mit Michael Kloft von „Spiegel TV“ ausgewählt hat, sie zeigen.

Mit dem Tandem im Gleichklang

Oft sind das Kontraste, manchmal Ergänzungen, ganz selten Illustrationen zu den Zitaten etwa aus „Schwarze Spiegel“ oder „Leviathan“, immer aber fügen die Bilder der immens bildmächtigen Sprache Schmidts etwas neues hinzu - und umgekehrt: Das bekannte Foto, das den Autor am Waldrand allein auf einem Tandem zeigt, gewinnt im Einklang mit einer Lesung aus dem Endzeitroman „Schwarze Spiegel“ eine geradezu unheimliche Note, liest man es doch dabei als Abbildung des letzten Menschen auf der verzweifelten Suche nach einem, der die leere Stelle ausfüllen könnte. Filmsequenzen mit Bombenabwürfen aus einem amerikanischen Siegerfilm stehen der umgekehrten Perspektive der Sprache gegenüber, fallende Bomben im Bild also einschlagenden im Wort, und die auftrumpfende HJ des „Leviathan“ findet ihr Pendant in den jämmerlichen Filmaufnahmen von Hitlers letztem Aufgebot.

Der Wechsel zwischen sinnlicher Erfahrung und gelassener Informationsvermittlung, den die Ausstellung vermittelt, bewährt sich Raum für Raum: Ob man im Rondell des roten Turms einander gegenübersitzt und kollektiv einer Abfolge von sehr komischen Sottisen lauscht, die alle um die Person des Autors kreisen, ob man die legendären Zettelkästen durch die geschickte Darbietung unter flachen Acrylkästen beinahe anzufassen meint, sich in den privaten Fotos verliert, die Schmidt etwa dabei zeigen, wie er mit Kindern einen Drachen steigen läßt, oder bestürzt die Ausschnitte aus Modeprospekten entdeckt, die dann Figuren wie der Nymphe Franziska aus „Zettels Traum“ zum Vorbild dienten - all dies ist Teil einer gelungenen Schau, die ihren Gegenstand liebevoll ernst nimmt. Und der ist, kein Zweifel, dieser Zuwendung auch wert.

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