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Aus für den gedruckten Brockhaus : Unser Wissen lebt nur in den Köpfen, nicht im Regal

  • Aktualisiert am

Die Vergangenheit: Brockhaus präsentiert seine Druckausgabe überdimensional auf der Buchmesse Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Dass der Brockhaus-Verlag seine gedruckte Ausgabe für eine Internet-Enzyklopädie aufgibt, ist eine Zäsur. Der Philosoph Ulrich Johannes Schneider sieht darin einen kulturellen Wandel, aber keinen großen Verlust. Ein Interview.

          Dass der Brockhaus-Verlag seine gedruckte Ausgabe für eine Internet-Enzyklopädie aufgibt, ist eine Zäsur. Der Philosoph Ulrich Johannes Schneider sieht darin einen kulturellen Wandel, aber keinen großen Verlust.

          Genau zweihundertzwei Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe des Brockhaus kündigt der Mannheimer Verlag an, dass es die Enzyklopädie künftig wohl nicht mehr in gedruckter Form, sondern nur noch im Netz geben wird. Überrascht Sie die Entscheidung?

          Nein, eigentlich nicht. Man muss sich die Buchwände der Zukunft, privat ebenso wie in den Bibliotheken, ohnehin eher wie Bildschirme vorstellen. Die Inhalte werden aber nicht gesendet - wie es jetzt zunehmend auch im Fernsehen geschieht -, sondern gezielt heruntergeladen. Damit will ich jedoch nicht sagen, dass der Bildschirm die Bücherwand in absehbarer Zeit vollständig verdrängen kann. Aber er wird immer wichtiger werden.

          Die vor gut zwei Jahren erschienene einundzwanzigste Auflage des Brockhaus galt vielen als der beste Brockhaus aller Zeiten, als Werk, das die Internet-Konkurrenz Wikipedia in die Schranken weisen würde. War das eine krasse Fehleinschätzung?

          Expertenwissen ist ein leidenschaftliches Wissen, ein Wissen, das mit Kennerschaft, großem Einsatz und Energie erworben wurde, und genauso sollte es angefordert werden. Der Brockhaus war in dieser Hinsicht immer nur ein Kompromiss, selbst in seiner modernsten Form, die ja auch einen USB-Stick und ein Online-Portal umfasste. Wikipedia entspricht diesem Wissensbegriff einfach besser, schon allein, weil hier Frage und Antwort als gleichberechtigt erscheinen.

          Wikipedia hat weltweit Millionen von aktiven Mitarbeitern, allein in Deutschland sollen es mehr als zehntausend sein, die ihren Beitrag fast wie ein Ehrenamt verstehen. Kann die Redaktion eines profitorientierten Verlagsunternehmens überhaupt dagegen bestehen?

          Diese Gemeinde ist sehr groß, und sie besteht aus Laien ebenso wie aus Kennern. Es gibt bei Wikipedia sogenannte Exzellenz-Artikel, die von absoluten Kennern der Materie verfasst werden. Außerdem betreibt Wikipedia ein ausgezeichnetes System der Qualitätssicherung, das vor allem in der deutschen Version von Wikipedia sehr gut funktioniert. Das geben auch die Lexikon-Verlage durchaus zu. Wikipedia Deutschland hat die weltweit höchsten Standards, wenngleich das englischsprachige Pendant natürlich weit größer ist. Interessant ist aber auch, dass die Nutzer von Wikipedia, wie ich bei einer Veranstaltung in Leipzig feststellen konnte, nicht nur junge Leute sind. Dass technische Neuerungen sehr schnell auf Wikipedia erklärt werden, wissen auch ältere Leute zu schätzen. Nehmen Sie nur die Cebit in Hannover: Kaum ist die Messe vorüber, kann jeder auf Wikipedia nachlesen, wie die dort vorgestellten Geräte funktionieren. Bei Wikipedia ist solches Wissen fast schon automatisch schneller auf einem besseren Stand. Die Kultur der wechselseitigen Kritik führt zu besseren Ergebnissen und auch dazu, dass Fehler leichter akzeptiert werden als in gedruckten Lexika. Außerdem erlaubt Wikipedia, die Genese eines Artikels nachzuvollziehen. Wenn Sie sich die verschiedenen Versionen ansehen, haben Sie einen Prozess der Arbeit am Wissen vor Augen.

          Aber die meisten Nutzer dürften sich eher für das gesicherte Wissen interessieren als für den Weg dorthin. Wer liest schon all die überarbeiteten früheren Versionen eines Artikels?

          Das stimmt. Natürlich will niemand alle Versionen nachvollziehen, aber dennoch wird hier etwas Wichtiges sichtbar: der Streit um Wissen. Ich glaube, dass das den Leser mehr interessiert als nur das nackte Faktenwissen. Auch die Suche, der Streit, die abweichenden Meinungen gehören zum Wissen und machen es interessant. Deshalb waren die Lexika in ihrer Frühzeit ja auch in einem ganz anderen Stil, einer anderen Sprache verfasst: Sie waren viel erzählender. Noch in der Aufklärung brach sich plötzlich in Jöchers Gelehrtenlexikon, dem wir im März eine Ausstellung in der Leipziger Universitätsbibliothek widmen, wieder eine geradezu barocke Fabulierlust Bahn. Meiner Meinung nach wird sehr unterschätzt, was wir alles wissen wollen. Die Leute wollen vom Wissen immer auch bewegt werden. Es ist ja auch eine Bewegung im Leser, der zum Buch greift. Das Internet nimmt diese Bewegung einfach besser auf.

          Aber das gedruckte, gebundene, im Idealfall nach Leim und Leinen riechende Buch ist doch nicht ohne Dynamik.

          Nein, Bücher sind wunderbare Maschinen, und ich bin froh, dass ich in meiner Wohnung und in der Bibliothek von ihnen umgeben bin. Aber das Internet macht die Erfahrung des Wissens durch die ihm eigene Dynamik und durch sein dialogisches Wesen zu einem Erlebnis.

          Offenbar führt dieses Erlebnis jetzt zu einem Epochenwechsel, denn die Einstellung der gedruckten Brockhaus-Ausgabe ist ja zweifellos eine historische Zäsur. Kennen Sie aus der Geschichte des Lexikonwesens ähnliche Vorgänge?

          Was jetzt passiert, ist ein kultureller Wandel, aber kein großer Verlust. Nehmen Sie den frühen Buchdruck, der dazu führte, dass mit den Büchern auch Bilder verbreitet wurden. Wo zuvor Handschriften in Klöstern mit Illuminationen versehen wurden, tauchte nun der immer gleiche Holzschnitt auf. Vor allem Pflanzen wurden dargestellt, weil sie ein wichtiges Heilmittel waren. Und sofort regte sich die Kritik, weil die Darstellungen zu ungenau waren. Dann wurde verbessert und verfeinert, und wenig später rühmte sich ein Leonhard Fuchs der besonders akribischen Pflanzendarstellung in seinem „Neuen Kräuterbuch“. Oder denken Sie an Sebastian Münsters „Cosmographia“: In der ersten Ausgabe sahen alle Städte gleich aus. Es war immer dieselbe idealtypische Darstellung, und es sollten hundert Jahre vergehen, bevor die Stadtansichten differenziert wurden. Jedes neue Medium kommt zunächst recht grob daher, dann erfolgt die Verfeinerung.

          Sind die Lexikon-Verlage zu einer solchen Verfeinerung nicht mehr selbst in der Lage?

          Die deutschen Verlage haben überwiegend viel zu langsam begriffen, welche Rolle Online-Portale in der Zukunft spielen werden. Der Verleger verbindet die Auswahl mit dem Geschäft; Seine Legitimation, mit dem Wissen, das ja allen gehört, Geld zu verdienen, liegt in der Filterfunktion, die er ausübt. Diese Funktion wird auch in Zukunft wichtig sein. Dabei wird es anders als früher nicht mehr so sehr um die Kategorie der Autorität gehen. Aber der Leser will wissen, auf welcher Seriositätsstufe das Wissen, das er abfragt, angesiedelt ist. Brockhaus hat allein auf Qualität gesetzt und damit einen Porsche produziert, der von den meisten Leuten wie ein Volkswagen gefahren wurde. In vielen Wohnzimmern steht der Brockhaus doch nur als Fassade, als Ikone einer profunden Ignoranz. Aber Wissen gibt es nur, soweit es in den Köpfen lebendig ist. Deshalb sind die interaktiven Formen, die das Internet anbietet, so attraktiv und so erfolgreich.

          Bertelsmann kooperiert mit dem „Spiegel“, Brockhaus strebt dem Vernehmen nach eine Kooperation mit der „Zeit“ an. Wie schätzen Sie die Kooperation mit Verlagshäusern ein?

          Das ist eine geradezu natürliche Verbindung. Die ersten allgemeinbildenden Lexika sind im achtzehnten Jahrhundert als direkte Reaktion auf die Zeitungen entstanden. Die Konversationslexika sollten erklären, was die Leute in den Zeitungen gelesen, aber nicht oder nur unzureichend verstanden hatten. Deshalb haben diese Lexika ja immer auch nach Zeitungsart faits divers, Legenden und Anekdotisches erhalten.

          Wird das reichen, damit die Lexikon-Verlage in der Konkurrenz zu Wikipedia bestehen können? Und wie sollen die Verlage im Internet Geld verdienen?

          Ich bin überzeugt, dass die Lexikon-Verlage gute Zukunftschancen haben. Denn Wikipedia gehen Inhalte verloren, weil das Kollektiv der Autoren in vielen politischen Fragen viel zu zerstritten ist. Es gibt etliche Artikel zu politisch brisanten Fragen, etwa der nach den israelisch arabischen Auseinandersetzungen, die stündlich geändert wurden. Konsens war hier nicht möglich. Die Artikel mussten gesperrt werden, und wahrscheinlich werden sie nie wieder geöffnet. Auch das ist ein Grund, weshalb ich glaube, dass sich mit Wissen selbst im Internet, wo fast alles umsonst zu haben ist, in Zukunft Geld verdienen lässt. Es wird Werbung geben, und es wird gebührenpflichtige Inhalte geben. Überprüftes Wissen ist das Produkt einer Arbeit. Dafür kann man Geld verlangen.

          Der Fetisch des Internets ist ein obskurer Begriff von Aktualität. Deshalb scheint im Netz alles schneller zu veralten. Was bedeutet das für unser Wissen?

          Ich kann keinen wesentlichen Bruch erkennen. Allerdings gibt es doch einen markanten Unterschied: Im Internet ist unser Wissen immer multimedial, es ist fast immer Text und Ton und Bild. Das ist neu. Und vielleicht ist dies eine Kompensation für den Verlust an Erotik, die in der Intimität des Bücherlesens liegt.

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