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Die neuen Literatur-Klassiker : Später Ruhm für vergessene Schätze

  • -Aktualisiert am

Klassiker müssen nicht zwingend uralt sein. Einige Werke des letzten Jahrhunderts warten nur auf ihre Wiederentdeckung. Bild: Denzel, Jesco

Der Roman „Stoner“ von 1965 wurde erst durch seine Neuauflage von 2006 zum großen Literaturerfolg. Ein EU-Projekt fördert die Wiederentdeckung solcher vergessener Klassiker und lässt Kritiker nach den Perlen der Literatur suchen.

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          Zu jiddischer Literatur fällt einem heute wenig ein. Immerhin einen jiddischsprachigen Nobelpreisträger hat es gegeben. Isaak Bashevis Singer gewann ihn 1978, was ihn vor dem Vergessenwerden nicht bewahren konnte. Sein Kollege Schalom Asch kommt einem noch in den Sinn. Dann ist man mit seinem Jiddischlatein bereits am Ende. Und das, obwohl Jiddisch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Mameloschn, die Muttersprache, von zwei Dritteln der jüdischen Weltbevölkerung war.

          1933 gab es in Europa über zehn Millionen Sprecher. Heute sind uns nur noch ein paar Lehnwörter geblieben. Der „Ganove“ leitet sich etwa aus dem Jiddischen her. Ebenso die „Mischpoke“, die „Maloche“, das „Mauscheln“ und das „Schmusen“. Auch der gute Rutsch hat weniger mit dem Schlittern auf der Zeitbahn zu tun als mit dem „Gut Rosh!“, dem „Guten Anfang!“. Und nun, sagt Nils Ahl, Literaturkritiker der Tageszeitung „Le Monde“, sollen, nein dürfen wir uns endlich mit Leïb Rochman beschäftigen. Sein Roman „Mit Blindè trit iber der erd“ ist 2012 ins Französische übersetzt worden. Aharon Appelfeld hat dazu ein Vorwort geschrieben, und der Gallimard-Verlag hat die Taschenbuchrechte an dem Titel des im Jahr der jiddischen Nobelpreisvergabe verstorbenen Autors erworben.

          Der Olymp der literarischen Klassiker

          Ein Buch von einer solchen Sprach- und Gedankenwucht sei ihm bislang noch nicht untergekommen, sagte Nils Ahl jetzt bei einem internationalen Kritikertreffen in Tallinn. Dorthin hatte das Literaturfestival Headread, das Autoren wie David Grossman und Margaret Atwood präsentierte, in Zusammenarbeit mit dem EU-Projekt „Schwob“ eingeladen. Ziel war es, über vergessene oder noch gänzlich unentdeckte Klassiker der Weltliteratur zu diskutieren, Übersetzungen in Gang zu bringen oder zumindest die Kollegen mit den klassikerwürdigen Werken ihrer Nachbarn vertraut zu machen. Eine Kurzumfrage im Kreis der Geladenen ergab, dass keiner mehr als drei Namen auf der eingereichten Anwärterliste kannte. Eine gute Ausgangslage, um mit vereinten Kräften an der Verköstigung der neuen Lesefrüchte zu arbeiten. Das Ganze im Wohnhaus des 1940 verstorbenen Nationalheiligen der estnischen Literatur, Anton Hansen-Tammsaare.

          „Die Straße“ soll nicht der einzige Erfolgsroman von Autor Cormac McCarthy bleiben. Bücher wie sein Indianer-Roman „Die Abendröte im Westen“ sollen wieder mehr Beachtung finden.
          „Die Straße“ soll nicht der einzige Erfolgsroman von Autor Cormac McCarthy bleiben. Bücher wie sein Indianer-Roman „Die Abendröte im Westen“ sollen wieder mehr Beachtung finden. : Bild: AP

          Sein mehrbändiges Geschichtswerk „Wahrheit und Gerechtigkeit“, das mit der russischen Revolution einsetzt und in seinen stärksten Momenten mit Pasternaks „Doktor Schiwago“ verglichen und entsprechend zensiert worden ist, kennt in Estland jedes Kind. Sollte Estland einmal Gastland der Frankfurter Buchmesse werden, würde ihn zumindest auch jeder deutsche Literaturkritiker kennen. Da Tammsaare aber gar nicht auf der Tagesordnung stand, trug es sich zu, dass unter seinem Dach, gleich neben dem Kinderzimmer, in dem sich mit der „Struwelliese“ eine Art feministische Ausgabe des deutschen Struwwelpeters befand, über vergessene Klassiker gesprochen wurde wie über aussterbende Tierarten. Angefangen bei Jungklassikern wie Cormac McCarthy, dessen Indianer-Roman „Die Abendröte im Westen“ der niederländische Journalist Jeroen Vullings aus dem Schatten seines berühmteren Werkkollegen „Die Straße“ holen wollte. Und nicht nur Nils Ahls jiddische Entdeckung zog das Interesse der Anwesenden auf sich, auch die großen historischen Romane des Esten Jaan Kross, die fulminanten Reiseberichte des spanischen Journalisten Manuel Chaves Nogales aus dem Jahr 1929 oder die Kurzprosa des tschechischen Holocaust-Überlebenden Ota Pavel. Wenn sich aus den präsentierten und letztlich den Leidenschaften ihrer Fürsprecher entsprungenen Titeln überhaupt so etwas wie eine Tendenz ablesen lässt, dann vielleicht diese: Auffällig häufig wurden Bücher vorgestellt, die zwischen den Gattungen operierten, in der Regel zwischen der Zeitungsreportage und genuin literarischen, also fiktionalen Formen. Sowohl Lafcadio Hearn als auch die genannten Pavel, Chaves Nogales oder Rochman sind als Meister der literarischen Reportage in die Geschichte eingegangen, und sicher ist es kein Zufall, dass nun eine Handvoll Journalisten an der endgültigen Aufnahme dieser Namen in den Olymp der literarischen Klassiker arbeitete.

          Die Krise des Buchs ist in ganz Europa angekommen

          Das nach dem französischen Symbolisten Marcel Schwob benannte EU-Projekt wirkt seit nunmehr fünf Jahren. Handelte es zunächst nur um eine niederländische Initiative, die dem von Jeroen Vullings diagnostizierten Aufschwung halbseidener Sensationstitel in Holland entgegenarbeiten wollte, hat sich das Projekt inzwischen auf insgesamt neun europäische Literaturinstitutionen ausgedehnt. Jedes Land gibt seinen Autoren so viel Unterstützung wie möglich, um die im Rahmen von Schwob zustande gekommenen Klassikerlisten an die Verlage zu bringen und ihre Übersetzung zu fördern. Natürlich handelt es sich dabei um ein Liebhaberprojekt, das einen langen Atem benötigt und dem noch viele erfolgreiche Kooperationen zu wünschen sind. Weitere literarische Entdeckungen sind aus diesem ständig wachsenden Kreis professioneller Leser aber schon jetzt zu erwarten. Ob das ökonomische Trends in der Verlagswelt umkehren wird? Wohl kaum.

          Überall in Europa ist die Krise des Buchs inzwischen angekommen. In einigen Ländern (Finnland, Deutschland oder Frankreich zum Beispiel) wird zwar nach wie vor viel gelesen, doch zunehmend von einer Gesellschaftsschicht, die man als dezidiert bildungsbürgerlich bezeichnen muss und in der Lesen zum sozialen Distinktionsmerkmal wird. Dass ein Hang zur hektischen Kanonbildung aber nicht nur mit dem Wunsch nach Status-quo-Sicherung zu tun haben muss, sondern, wie zuletzt in Estland geschehen, auch ganz klassisch mit den Prozessen eines in dem Fall demokratischen nation-building, zeigte die Kritikerin Johanna Ross anhand einer kleinen Literaturgeschichte aus Estland.

          Ob Schwob nun einen zweiten „Stoner“-Erfolg wird produzieren können oder nicht, die auf der Website der Initiative veröffentlichten Titel sind eine Inspiration für alle, die nach literarischen Trouvaillen Ausschau halten. „Masel tov!“, „viel Glück!“ kann man da nur wünschen.

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