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Arno Geiger im Gespräch : „Alles ist lohnenswert“

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Bild: Wonge Bergmann

Der Schriftsteller Arno Geiger hat ein sehr zärtliches Buch über die Demenzerkrankung seines Vaters geschrieben. Im Interview spricht er über seinen Vater, seine Familie, den Tod und das Anbellen des Mondes. Mit FAZ.NET-Slideshow.

          Der Schriftsteller Arno Geiger hat ein sehr zärtliches Buch über die Demenzerkrankung seines Vaters geschrieben. Im Interview spricht er über seinen Vater, seine Familie, den Tod und das Anbellen des Mondes.

          Herr Geiger, Sie haben ein sehr zärtliches Buch über die Demenzerkrankung Ihres Vaters geschrieben. Nicht nur Ihr Vater ist durch die Krankheit ein anderer geworden, auch Sie selbst haben sich verändert. Wie haben Sie das erlebt?

          Für mich hat die Erkrankung meines Vaters vieles sichtbar gemacht. Vor allem den Hintergrund, vor dem Leben stattfindet. Auch ist das Vergangene unwichtig geworden, weil der Vater fast keinen Zugriff mehr hat. Das kann auch etwas Befreiendes haben in diesen verdrechselten Familienbeziehungen. Man kann neu ansetzen oder - wie in unserem Fall - auf die sehr gute Beziehung zurückgreifen, die wir in meiner Kindheit hatten.

          Warum hatten Sie nur in der Kindheit eine gute Beziehung zu Ihrem Vater?

          Eine sehr turbulente Pubertät, meine Güte! Und bis ich beruflich auf die Beine gekommen war, hatte ich keine Kapazitäten frei für Familienbeziehungen. Da lässt man das einfach rennen. Mit der Erkrankung des Vaters brach alles auf.

          Vor seiner Erkrankung führte Ihr Vater ein eigenbrötlerisches Leben. Hat Sie seine Sprachlosigkeit, dass er das, was ihn umtreibt, nicht ausdrücken kann, als Heranwachsender zornig gemacht?

          Nein, das Problem war, dass ich das teilweise übernommen hatte. Das ist erlerntes Verhalten. Es hat mich nicht zornig gemacht - es war ein Gefühl, dass etwas fehlt, dass es Probleme gibt, die nicht angesprochen werden. Und dann legte sich so ein Film von Trostlosigkeit über das ganze Haus, unter dem alle gelitten haben.

          Sie beschreiben im Buch eine Szene, in der Ihr Vater auf die Frage, ob er denn wisse, wer Sie seien, antwortet: „Als ob das so interessant wäre.“ Hat Sie das verletzt?

          Es war absurd. Er hat das so sympathisch zu meiner Lebensgefährtin gesagt, hat sich mit ihr verbrüdert gegen mich. Und ich kannte ja schon seine Kreativität beim Ausweichen, wenn er auf etwas keine Antwort geben will oder die Antwort nicht weiß. So traurig es war, wir haben gelacht. Bald darauf hat er angefangen, mich für seinen Bruder zu halten. Ich sag da immer: Hauptsache, Familie.

          Sie vergleichen Ihren Vater mit Robinson Crusoe - also Selbstbehauptung statt Liebe. Hat sich das durch die Krankheit geändert?

          Mein Vater war immer sehr herzlich und sehr freundlich. Wir hatten meistens ein gutes, aber nicht sehr nahes Verhältnis. Ich mochte ihn immer gern. Aber es war eben dieser unüberwindbare Abstand - dass man sich nicht preisgibt mit seinen Gefühlen, dass man sich nicht fallen lässt. Mit der Erkrankung sind wir dann gefallen. Das betraf ja nicht nur meinen Vater, sondern es hat uns alle mitgerissen. Und da ist Nähe entstanden, wie ich sie niemals mehr erwartet hätte.

          Wie haben Sie das alles in den Griff bekommen?

          Mein Buch ist letztlich ein Buch über das Leben, über das Hinfallen und Aufrappeln. Darüber, dass man mit der Situation so umgeht, dass sie einen nicht verzweifeln lässt. Und dann ist plötzlich wieder Glück möglich - mitten in der Katastrophe. Und die Krankheit ist eine Katastrophe. Es ist erstaunlich, wie viel man in der Dunkelheit sieht, wenn man in ihr ist.

          Kann ein Mensch, der sich durch den Geist definiert, wie Walter Jens das getan hat, kann der sich nicht vorstellen, dass ein Abnehmen der geistigen Präsenz Glücksmomente ermöglicht?

          Mein Vater ist ein sehr intelligenter Mensch. Aber er hat eine andere Haltung. Wir haben uns auf das konzentriert, was noch da ist, und nicht auf das, was weg ist. Weil immer noch mehr als genug da war und da ist. Wenn ich ständig das nicht Vorhandene suche, dann unterstreicht das das Verlorene.

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