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Ariadne von Schirachs Wut und Rat : Dieses Gähnen ist im Grunde tödlich

  • -Aktualisiert am

Das Leben ist kein lösbares Problem, findet Ariadne von Schirach Bild: Marko Priske/laif

„Du sollst nicht funktionieren!“, fordert Ariadne von Schirach. Gute Idee, eigentlich. Und gar nicht so selten gelingt es ihr auch, Einzelteile unserer Gegenwart zu benennen, die nicht einfach zu benennen sind.

          Es mit der Gegenwart aufzunehmen, den Versuch zu machen, sie in ihrem Irrsinn und in ihrer Undurchdringlichkeit zu beschreiben, ist wirklich wirklich schwer. Man rennt zwischen gläsernen Wänden hin und her und möchte sagen, guckt her, so und so ist es, aber es ist eben nie so, sondern immer so-oder-so, also auf keinen Fall eindeutig. Man kann bei diesem Gegenwartsbeschreibungsversuch mehr Fehler als Punkte machen, so dass Leute dann hinterher gelangweilt lächelnd leicht darüber sagen können: Was ist denn das für ein Geplapper?

          Bei der Lektüre des Buches „Du sollst nicht funktionieren“ der Autorin Ariadne von Schirach ist es ebenfalls ein So-oder-so: Man will sie anschreien und sitzt dann aber auch wieder da und nickt. Weil es ihr gelingt, Einzelteile dieser Gegenwart zu benennen, die nicht einfach zu benennen sind, und weil man genau hinsehen muss, um das zu können. Und weil sie all das in einer mitunter echt gelungenen Sprache macht (nur manchmal schreibt sie „mitnichten“, das ist dann schlimm).

          Zum Anschreien später, erst mal, worum es geht: Ariadne von Schirach (ja, die Enkelin von genau diesem Reichsjugendführer) befasst sich, nachdem sie in ihrem ersten Buch über die Pornografisierung der Gesellschaft geschrieben hat, nun mit der Verfasstheit westlicher Egos in der Gegenwart. Also vornehmlich mit den Köpfen und Körpern, die in europäischen Großstädten und in New York rumlaufen, und diese Köpfe und Körper, so denkt man beim Lesen, scheint die Autorin absolut unerträglich zu finden.

          Das Zusammenkrachen unter den eigenen Perfektionsidealen

          Oberflächen, die die Bilder, welche sie von sich entwerfen, verbreiten, den ganzen Tag lang dieser Selbstdarstellungsexzess, dem die Oberflächenmenschen nur nachkommen können, indem sie sich und ihre Körper verbessern, optimieren - das heißt, es müssen die richtigen Kaufentscheidungen getroffen werden (Bücher, Kleider, Restaurantbesuche, Freunde), und nur dann kann die Vermarktung weitergehen und das, so die Autorin, ist wahnsinnig anstrengend (yes), und dahinter ist nichts, also Leere.

          Den Tod hätten die westlichen Großstadtmenschen aus ihrem Leben verbannt, weil sie es nicht aushielten, sich mit ihrer Endlichkeit vertraut zu machen, denn es ginge ja um nichts anderes in ihrem Leben, als diese Endlichkeit zu bekämpfen, indem man zur perfekten Oberfläche werde. Und das Schlimme an diesem Leben sei, dass die Schuld immer bei dem Menschen allein liege. Jener werde in dem Bewusstsein sozialisiert, dass er alles werden könne, wenn er sich nur ausreichend anstrenge. Wenn es dann aber nichts wird, ist er verantwortlich, und zwar alleine, weil kein Gott mehr zu Hause, was natürlich total depressiv macht, dieses Zusammenkrachen unter den eigenen Perfektionsidealen.

          Denken Sie jetzt gerade: Oh Mann, das habe ich doch alles schon hundert Mal gehört und gelesen? Ja? Das stimmt natürlich, aber Sie haben wahrscheinlich so ziemlich jede Geschichte schon mal irgendwie gehört, nur kommt es ja entscheidend darauf an, wie man sie erzählt.

          Yoga, Biozeug, mal wandern gehen

          Und genau diese routinierte Das-kenne-ich-doch-alles-schon-Haltung ist es eben, die den Versuch, der Gegenwart etwas entgegenzusetzen, sofort zerstört. Und genau dieses Gähnen ist es, zu dem die Oberflächenmenschen, welche von Schirach in ihrem Text beschreibt, immerzu ansetzen, wenn man ihnen irgendwas zeigen möchte. Dieses Gähnen ist im Grunde tödlich.

          Weiter: Von Schirach beschreibt den Menschen der Gegenwart als ein von Frost überzogenes Bild, das rast, shoppt und masturbiert. Es beschäftigt einen Therapeuten und bastelt an seinem Ego, diesem Riesending, das den Menschen zu sich selbst verdammt. Jene „bewusstlos gecoachten und psychologisch total auserzählten Menschen“ seien ferner dazu verpflichtet, sich selbst zu lieben (was heißt das eigentlich? Hat das irgendwer verstanden?) und für sich selbst zu sorgen (Yoga, Biozeug, mal wandern gehen). Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, hätten diese Menschenbilder nicht mal mehr eine Sprache, die sie ihr eigen nennen könnten, weil die Wörter schon längst großen Konzernen und ihren Werbestrategien gehörten.

          Wenn man das liest und nickt und dabei wieder mal auf die Idee kommt, sich irgendwo wegzuhängen, dann erinnert man sich, kurz zur Beruhigung, daran, dass das Bild, das von Schirach von der Gegenwart zeichnet, nicht in jedem westlichen Menschenhaushalt hängt und dass da eine Perspektive entworfen wird, die sich selbst anguckt. Denn alle Menschen, die ein bisschen so sind, wie die in dem Buch erwähnten, hassen Menschen, die so sind, wie die in dem Buch erwähnten.

          Ach, du liebes bisschen

          Wenn sich irgendwo auf einer Party zwei junge Kultureuropäer treffen und sich einander versichern wollen, dass sie sich sympathisch sind, dann sprechen sie über diese Benutzeroberflächenproblematik, und drei Meter weiter stehen noch mal zwei Kultureuropäer, die genau über das gleiche Thema sprechen, und dabei gucken sich die beiden Kultureuropäergesprächsgruppen dann komisch an und denken übereinander: Sind die aber scheiße und oberflächlich!

          Und eben jene abgeklärte Verachtung meint man auch in dem Essay Ariadne von Schirachs zu erkennen, wenn sie über ihr Personal schreibt: „Gero Liebermann ist Anfang 30, hochgewachsen, Bartträger und Hosenhochkrempler. Er trägt eine Hornbrille, hat ein ironisches Tatoo an der Innenseite des linken Oberarms und besitzt eine beachtliche Kollektion Jutebeutel.“

          Also genau die Langeweile und Kälte, die die Autorin so fürchterlich findet. Dabei schlägt sie einen ganz anderen Ansatz vor, um das Leben besser zu machen: Zweisamkeit vor allem. Verstehen, wie klein und banal das eigene Leben ist und wie mächtig und unzähmbar die Natur. Das Lebendige in sich entdecken und bewahren. Auf die eigene Stimme hören. Und: „Diesen Blick gilt es wiederzufinden, den scharfen Kinderblick, der genau weiß, was richtig ist und was falsch, nicht in einem moralisch-gesellschaftlichen, sondern in einem tieferen, seelischen Sinne.“

          Ach, du liebes bisschen. Ich habe echt überhaupt keine Ahnung, wo ich diesen Blick in mir wieder finden kann, und ich finde es eine Frechheit, dass ich jetzt auch das noch schaffen muss, denkt man beim Lesen. Und was ist das überhaupt für ein Kitsch? Okay, weiter: Naturerfahrungen helfen. Am Meer sein oder in die Sterne sehen, fühlen. Die eigene Stimme wiederfinden. Natürlich. Ist ja auch die naheliegendste Antwort, und genau deswegen versuchen sich so viele Leute beim Yoga krampfhaft zu entspannen und nur lokal angebautes Gemüse zu essen, was die Autorin ebenfalls als Zeichen unserer Zeit erkennt; diese Back-to-Nature-Mentalität.

          Nichts ist so verboten wie Kitsch

          Was sie nicht sagt, ist, dass die Menschen mit diesen Techniken der „Selbstsorge“ exakt jene Fragen zu beantworten suchen, die von Schirach selbst aufwirft. Und insofern, könnte man sagen, ist alles ein und dieselbe bescheuerte Suppe: die exzessive Selbstsorge genauso wie der Essay, der sich an seinen schwächeren Stellen liest wie ein Lebensberatungsbuch und insofern genauso imperativisch und lebensverbessernd ankommt wie all das, was er kritisiert. Du sollst nicht funktionieren, du sollst dich spüren und so weiter, und dann will man die Autorin anschreien und sie fragen, ob sie einen eigentlich für blöd hält.

          Und dennoch: Es ist das Leichteste, über den Naturerfahrungskitsch und den Versuch, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, zu lachen und zu gähnen. Nichts ist in unserem Denken und Schreiben so verboten wie Kitsch, viel sicherer fährt man mit einem müden Lächeln. Deswegen schämt man sich dann auch echt ein bisschen, wenn Ariadne von Schirach von Brandungen und dem Kosmos schreibt. Das darf man auch, aber man darf eben nicht lachen oder gelangweilt die Augen verdrehen, denn der Autorin scheint es echt aufrichtig um etwas zu gehen.

          Um das große Ganze, darum, wie wir leben. Dass sie diese Frage nicht beantworten kann, liegt also nicht so sehr an ihr. Es ist schon viel, sehr viel, dass sie sich in der Beschreibung versucht, was kein gemeiner Dabei-sein-ist-alles-Preis ist, sondern absolut ernst gemeint.

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