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Ariadne von Schirachs Wut und Rat : Dieses Gähnen ist im Grunde tödlich

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Wenn man das liest und nickt und dabei wieder mal auf die Idee kommt, sich irgendwo wegzuhängen, dann erinnert man sich, kurz zur Beruhigung, daran, dass das Bild, das von Schirach von der Gegenwart zeichnet, nicht in jedem westlichen Menschenhaushalt hängt und dass da eine Perspektive entworfen wird, die sich selbst anguckt. Denn alle Menschen, die ein bisschen so sind, wie die in dem Buch erwähnten, hassen Menschen, die so sind, wie die in dem Buch erwähnten.

Ach, du liebes bisschen

Wenn sich irgendwo auf einer Party zwei junge Kultureuropäer treffen und sich einander versichern wollen, dass sie sich sympathisch sind, dann sprechen sie über diese Benutzeroberflächenproblematik, und drei Meter weiter stehen noch mal zwei Kultureuropäer, die genau über das gleiche Thema sprechen, und dabei gucken sich die beiden Kultureuropäergesprächsgruppen dann komisch an und denken übereinander: Sind die aber scheiße und oberflächlich!

Und eben jene abgeklärte Verachtung meint man auch in dem Essay Ariadne von Schirachs zu erkennen, wenn sie über ihr Personal schreibt: „Gero Liebermann ist Anfang 30, hochgewachsen, Bartträger und Hosenhochkrempler. Er trägt eine Hornbrille, hat ein ironisches Tatoo an der Innenseite des linken Oberarms und besitzt eine beachtliche Kollektion Jutebeutel.“

Also genau die Langeweile und Kälte, die die Autorin so fürchterlich findet. Dabei schlägt sie einen ganz anderen Ansatz vor, um das Leben besser zu machen: Zweisamkeit vor allem. Verstehen, wie klein und banal das eigene Leben ist und wie mächtig und unzähmbar die Natur. Das Lebendige in sich entdecken und bewahren. Auf die eigene Stimme hören. Und: „Diesen Blick gilt es wiederzufinden, den scharfen Kinderblick, der genau weiß, was richtig ist und was falsch, nicht in einem moralisch-gesellschaftlichen, sondern in einem tieferen, seelischen Sinne.“

Ach, du liebes bisschen. Ich habe echt überhaupt keine Ahnung, wo ich diesen Blick in mir wieder finden kann, und ich finde es eine Frechheit, dass ich jetzt auch das noch schaffen muss, denkt man beim Lesen. Und was ist das überhaupt für ein Kitsch? Okay, weiter: Naturerfahrungen helfen. Am Meer sein oder in die Sterne sehen, fühlen. Die eigene Stimme wiederfinden. Natürlich. Ist ja auch die naheliegendste Antwort, und genau deswegen versuchen sich so viele Leute beim Yoga krampfhaft zu entspannen und nur lokal angebautes Gemüse zu essen, was die Autorin ebenfalls als Zeichen unserer Zeit erkennt; diese Back-to-Nature-Mentalität.

Nichts ist so verboten wie Kitsch

Was sie nicht sagt, ist, dass die Menschen mit diesen Techniken der „Selbstsorge“ exakt jene Fragen zu beantworten suchen, die von Schirach selbst aufwirft. Und insofern, könnte man sagen, ist alles ein und dieselbe bescheuerte Suppe: die exzessive Selbstsorge genauso wie der Essay, der sich an seinen schwächeren Stellen liest wie ein Lebensberatungsbuch und insofern genauso imperativisch und lebensverbessernd ankommt wie all das, was er kritisiert. Du sollst nicht funktionieren, du sollst dich spüren und so weiter, und dann will man die Autorin anschreien und sie fragen, ob sie einen eigentlich für blöd hält.

Und dennoch: Es ist das Leichteste, über den Naturerfahrungskitsch und den Versuch, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, zu lachen und zu gähnen. Nichts ist in unserem Denken und Schreiben so verboten wie Kitsch, viel sicherer fährt man mit einem müden Lächeln. Deswegen schämt man sich dann auch echt ein bisschen, wenn Ariadne von Schirach von Brandungen und dem Kosmos schreibt. Das darf man auch, aber man darf eben nicht lachen oder gelangweilt die Augen verdrehen, denn der Autorin scheint es echt aufrichtig um etwas zu gehen.

Um das große Ganze, darum, wie wir leben. Dass sie diese Frage nicht beantworten kann, liegt also nicht so sehr an ihr. Es ist schon viel, sehr viel, dass sie sich in der Beschreibung versucht, was kein gemeiner Dabei-sein-ist-alles-Preis ist, sondern absolut ernst gemeint.

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