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Archipel Jugoslawien : Brüderlichkeit und Einigkeit

  • -Aktualisiert am

Passanten vor dem Tito-Denkmal in Skopje, Mai 2020. Bild: EPA-EFE

Badeglück für die Jugend, Kuhmist für die Minderheit: Was bleibt von den schönen Formeln der Freundschaft unter den Völkern Jugoslawiens?

          6 Min.

          Zu meinen schönsten Erinnerungen an das Jugoslawien der mittleren Achtziger Jahre zählen die langen Sommer. Den ganzen Juli und August über war Skopje, die Hauptstadt Mazedoniens (heute Nordmazedoniens), eine menschenleere, verträumte Landschaft, zu der die Grillen den Soundtrack beisteuerten. Mein Bruder und ich verbrachten die Schulferien in Mavrovo, in einem Haus, das mein Großvater zusammen mit einem befreundeten Partisanen aus dem griechischen Bürgerkrieg gebaut hatte – mein Großvater war griechischer, sein Freund mazedonischer Herkunft. In der Gegend standen lauter Sommerhäuser, bewohnt von Ruheständlern, die ihre Enkelkinder zu Besuch hatten. Während die Großeltern Backgammon spielten, im Garten werkelten, kochten und buken, während sie Rakija und Ouzo nippten und nach den reichhaltigen Mahlzeiten ein Nickerchen machten, trieben sich die Kinder in den staubigen Straßen herum oder im umgebenden Wald und Dickicht; die Jungs spielten Verstecken oder »Partisanen und Deutsche«, die Mädchen dachten sich Prinzessinnengeschichten aus.

          Spiel nicht mit der Griechin!

          Ich erinnere mich, wie ich einmal mit zwei anderen Mädchen spielte und mit einer von ihnen, Viki war ihr Name, in Streit geriet. Sie versuchte mich vor Beti, der anderen, schlechtzumachen. Mit zusammengekniffenen Augen sagte sie zu ihr: »Du spielst mit einem Griechenkind.«

          Ich weiß noch genau, wie mich Vikis Worte verblüfften. Rasch, aber nervös nahm ich die Haltung der herablassenden Besserwisserin ein und blaffte, dass wir doch in einem Land lebten, in dem die Regel »Brüderlichkeit und Einigkeit« gelte.

          Als ich dann aufgebracht nach Hause kam und meiner Familie von dem Vorfall berichtete, schlug mir lautes Gelächter entgegen. »Brüderlichkeit und Einigkeit!«, wiederholten sie, als wollten sie sich über mich lustig machen. Ich muss dagegen protestiert haben und sichtlich wütend geworden sein, denn mein Großvater lächelte mich mit seinen Goldzähnen an und sagte mir, sie würden zwar lachen, aber nicht über mich, und eigentlich hätte ich ja recht.

          Rumena Bužarovska, geboren 1981 in Skopje
          Rumena Bužarovska, geboren 1981 in Skopje : Bild: Foto Boro Rudić

          Das überzeugte mich nicht. Ich begann über den Slogan nachzugrübeln, den Schule und Medien mir ins Gehirn gestanzt hatten: »Brüderlichkeit und Einigkeit«, bratstvo i edinstvo. Je öfter ich die Phrase wiederholte, desto mehr schien mir, sie müsse eine verborgene Bedeutung haben; eine Bedeutung, die den Erwachsenen klar war, die sie aber, weshalb auch immer, vor mir geheim hielten.

          Ebenso verwirrt war ich, als eine Gruppe von Jungen, angeführt von meinem 10-jährigen Nachbarn, den Türgriff eines anderen Hauses in der Nähe mit Kuhmist beschmierte, weil dort Albaner lebten. Und noch verwirrter, als die Jungen dann nicht mehr mit mir reden wollten, weil ich meinen Eltern von dem Mist an der Tür erzählt hatte. Weder wusste ich, was ich falsch gemacht, noch warum die Jungs unseren Nachbarn das angetan hatten. Ich hatte die albanische Familie in dem Hexenhäuschen am Waldrand nie zu Gesicht bekommen. Sie gingen allen aus dem Weg, hüllten sich in Dunkelheit.

          Der Krieg auf dem Bildschirm

          Mit diesen Sommern, angefüllt mit einem magischen Gefühl von Rätsel und Spannung, mit schallendem Gelächter und wispernden Gesprächen, war es vorbei, als wir das Land verließen, das zugleich mit meiner Kindheit verschwand. Meine Eltern zogen mit uns nach Arizona, wo sich mein Körper zu verändern begann, und sie sagten mir, die Leute würden mich nicht mehr für ein Kind halten. Mein Körper veränderte sich inmitten dieser Wirrnis, in einem fremden Land, so anders als unseres, mit dem Tod meines Großvaters und mit dem Krieg beim Zusammenbruch Jugoslawiens.

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