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Archipel Jugoslawien : Von der Namenlosigkeit

  • -Aktualisiert am

Die bosnische Sängerin Amira bei einem Konzert am 24. Oktober 2012. Bild: Getty

In Jugoslawien war es selbstverständlich, mehrere Sprachen zu beherrschen. Was macht das mit den Menschen, die sich heute für eine Sprache entscheiden müssen?

          7 Min.

          Mein Vater liebt unsere Lieder, und ich auch. Volkstümlich würde mein Vater sie nennen, aber das mir scheint nicht die richtige Bezeichnung für sie zu sein. Diese Lieder sind Sevdalinke, traditionelle altstädtische Romanzen, Kaffeehauslieder, mazedonische Volkslieder, jugoslawische Schlager. Sie habe viele Namen und sind doch namenlos. Bosnische Lieder würde man hier, in Slowenien, zu ihnen sagen, obwohl es unter ihnen auch kroatische, serbische, mazedonische und montenegrinische Lieder gibt. Am besten könnte ich sie wohl als Lieder beschreiben, die meine Eltern mit ihren Freunden an Tischen voller Speisen und Getränke sangen. Oder als musikalischen Hintergrund meiner Kindheit. Lieder, die es nicht auf Platten und Kassetten gab und die ich nur in der Interpretation eines beschwipsten Quartetts, Sextetts oder Oktetts an unserem Esstisch kannte.

          Es gibt niemanden mehr, der diese Lieder so singt, wie meine Eltern sie gesungen haben. Es gibt niemanden mehr, der so wie Hazim, Vaters bester Freund, ganz plötzlich, aus heiterem Himmel, mit seiner hohen Stimme 'Eleno, kerko Eleno …' vorgibt. Es gibt niemanden mehr, der sich denen zugesellt, die aus heiterem Himmel ein Lied anstimmen.

          Amiras Lieder

          Ich singe unsere Lieder manchmal meinen Söhnen vor. Manchmal auch mir selber, im Auto, zusammen mit der Ausnahmesängerin Amira Medunjanin, deren Repertoire dem Repertoire meiner Eltern noch am meisten entspricht. Aber sonst ist es heute in Ljubljana fast unmöglich, eine Gesellschaft zu finden, mit der man unsere Lieder singen könnte. Zuletzt sind sie hier nach der Premiere meines Theaterstücks "Jugoslavija, moja dežela" erklungen. Wir haben sie fast so gesungen, wie es einst meine Eltern getan haben. Aber das ist schon mehr als fünf Jahre her. In Bosnien haben wir sie letztes Jahr gesungen, als wir den 18. Geburtstag des Sohnes meiner Cousine gefeiert haben. In Bosnien können die Menschen diese Lieder besser, und deshalb fängt man dort eher an zu singen, aber auch dort immer seltener und nicht mehr so wie früher. Auch dort gibt es immer weniger Lieder, die unsere Lieder sind.

          Und doch lausche ich diesen Liedern heute mehr als je zuvor. Ich höre Mostar Sevdah Reunion, ich höre Damir Imamović und ich höre Amira. Eine Zeit lang habe ich versucht, auch meinen Vater für die neuen Interpreten der alten Lieder zu gewinnen, aber das habe ich aufgegeben. Einmal habe ich ihn sogar zu einem Konzert von Amira mitgenommen, aber während ich geschwelgt habe, hat er ihre Interpretation korrigiert. Weil er weiß, wie man die alten Lieder singt. Er lässt sich auf keine neuen Arrangements ein, auf keine andere Vokalinterpretation, vor allem aber hat er kein Verständnis für Jazz. Mostar Sevdah, Amira, die alle verderben unsere Lieder, weil sie sie nicht so singen, wie es früher Zaim Imamović, Toma Zdravković oder Silvana Armenulić getan haben.

          Ein Kind zweier Sprachen

          Diese Lieder kannst du nicht verbessern, die kannst du nicht besser spielen oder singen, weil sie genau so bleiben müssen, wie sie waren, glaubt mein Vater. Nur so versetzen sie ihn wieder in die Zeit, bringen ihn zurück in die sechziger oder siebziger Jahre, in seine Jugend, was er sich von diesen Liedern als Einziges wünscht. Die Nostalgie meines Vaters ist eine zeitliche, meine eine räumliche. Ich wünsche mir, dass mich unsere Lieder in den Raum zurückversetzen, dass sie mich zurückbringen zu dem, was mir eigen ist, zu dem, was nach der Zerstückelung meiner Kindheitswelt hinter den Grenzen und Bergen noch geblieben ist. Die Heimat meines Vaters ist in der Zeit verloren gegangen, meine im Raum, deshalb sehnt er sich nach der verlorenen Zeit, ich mich nach dem verlorenen, dem unerreichbaren und entschwundenen Raum.

          Diese Unterscheidung habe ich lange nicht begriffen, und deshalb habe ich auch die Missverständnisse nicht begriffen, mit denen ich mich immer wieder konfrontiert sah, wenn ich von meinem Vaterland gesprochen habe. Nach ihm wurde ich immer aufs Neue gefragt, denn ich bin ein Kind von Zugewanderten, ein Kind zweier Sprachen und mehrerer Kulturen. Meine Mutter ist aus dem kroatischen Istrien nach Slowenien gekommen, mein Vater aus Zentralbosnien. Was bist du, wurde ich deshalb gefragt. Wer bist du, wurde ich gefragt.

          Goran Vojnović, geboren 1980 in Ljubljana.
          Goran Vojnović, geboren 1980 in Ljubljana. : Bild: Tanja Draškić Savić

          Und wenn ich das benennen wollte, was das mir Eigene ist, das, was ich bin, bot sich mir wie von selbst der Name Jugoslawien an, aber etwas in diesem Namen klang nicht richtig. Jugoslawien war der Name jenes Staates, in dem ich geboren wurde, jenes Staates, den meine Eltern hatten und den sie noch als den ihnen eigenen ansehen, und es war mehr und zugleich weniger als mein Vaterland. In ihm gab es vieles, was mir fremd war, gleichzeitig umfasste es nicht alles, was mir zu eigen war, und weckte deshalb in den Menschen ganz falsche Vorstellungen von mir. Wenn ich als mein Vaterland Jugoslawien nannte, musste ich deshalb immer betonen, dass ich nicht vom Staat Jugoslawien spreche, von dieser unglücklichen sozialistischen Föderation, die noch heute, dreißig Jahre nach ihrem blutigen Zerfall, erregt und aufregt. Meine Welt waren weder Tito noch die Partei noch der Selbstverwaltungssozialismus, sagte ich immer wieder, wurde aber überhört und als Jugo-Nostalgiker abgetan. Ich, der ich elf Jahre alt war, als dieser Staat zerfiel, und von allem Jugoslawischen eine emotionale Bindung nur an die Basketball- und Fußballnationalmannschaft hatte.

          Heute weiß ich, dass diese Missverständnisse unvermeidlich waren. Wenn ein Staat aufhört zu existieren, landet er im Raum der Erinnerungen, in der Literatur. Erst wenn die Erinnerungen verblasst sind und es uns nicht mehr gibt, die wir uns an diesen Staat erinnern, wird er Geschichte. Und erst dann wird man über ihn leichter sprechen können, weil es in der Geschichte mehrere, aber nicht Millionen Jugoslawien geben konnte, es wird nicht so viele Jugoslawien geben, wie es in unseren Erinnerungen gibt. Dereinst, wenn wir nicht mehr sind, wird Jugoslawien nicht alles und noch mehr sein, vom Mangel an Schokolade und Bananen bis hin zur Abireise nach Dubrovnik, von der galoppierenden Inflation bis hin zu Ćopićs Ježeva hišica. Nur in den Erinnerungen, in der Literatur kann Jugoslawien zugleich der Name für die erste Liebe und den Genozid sein, für Lieder und für Dekrete, für Krieg und Frieden und wieder – oder noch immer – Krieg. Deshalb nenne ich mein Vaterland nicht mehr Jugoslawien. Deshalb hat mein Vaterland keinen Namen mehr.

          Was bedeutet „Vaterland“?

          Wenn ich Vaterland sage, denke ich zum Beispiel an den Feigenbaum, der im Hof eines Mehrfamilienhauses in Pula steht, an den Kirschbaum, der zwischen zwei bosnischen Häusern wächst. Ich denke daran, wie ich auf beide Bäume geklettert bin und ihre Früchte gepflückt habe, an die Menschen denke ich, die die Feigen und Kirschen gegessen haben. Wenn ich Vaterland sage, denke ich an eine überfüllte Wohnung in Novi Sad, voll mit Kleidungsstücken, die niemand mehr anziehen wird, weil sie Stücke aus einem vergangenen, in Angst zurückgelassenen Leben sind. Wenn ich Vaterland sage, denke ich an die Jahorina, an Nebel und vereiste Rohre, an das wegbleibende Fernsehbild und an die Skifahrerin, die mit ihm zusammen wegbleibt. Ich denke an den einen Strand in Pula unter dem Leuchtturm und an den anderen, zu dem wir Dreckmeer gesagt haben. Ich denke an die Pizza in Rovinj, an die ich mich nicht erinnere, weil ich mich nur erinnere, wie wir spät abends im Zastava 101 meiner Tante aus Rovinj zurückfahren. Wenn ich Vaterland sage, denke ich an Friedhöfe, an Gräber. Ich denke an einen alt gewordenen Mann, der im Unterhemd eine Patience legt, an den verkrusteten Schmutz auf seinen Karten. Ich denke an eine alt gewordene Frau, die mich fragt, ob ich Tee, Milch oder Milchkaffee möchte. Wenn ich Vaterland sage, denke ich an männliche Bartstoppeln, so scharf, dass man sich an ihnen schneiden kann. Ich denke an den unersättlichen Ziegenbock aus dem Märchen und an die unermüdlich sinnlos Flachs brechende Großmutter aus dem Kinderlied. Ich denke an die Schüssel voller bunter Plastiklöffel, mit denen die Kinder, die längst schon keine Kinder mehr sind, Eis gegessen haben.

          Wenn ich von Vaterland spreche, spreche ich also von einem Raum der Erinnerungen, einem Raum der Familienbande und Freundschaften, einem Raum der Erfahrungen, auch des Lesens und Zuhörens, einem Raum, der sich nur im Groben mit dem Raum jenes Staates deckt, dessen Name Jugoslawien war. Ich spreche von einer emotionalen Geographie, von einem Raum, der real und zugleich nicht real ist, der teilweise noch existiert, teilweise aber nicht mehr, einem Raum, der vergeht und zugleich wiederkehrt. Auf der sich ewig verändernden Landkarte meines Vaterlandes erscheinen unaufhörlich neue Menschen, während andere vergehen. Dafür suche ich einen Namen. Ich suche einen Namen für mich.

          Slowenien
          Slowenien : Bild: F.A.Z.

          Aber um für mich und mein Vaterland einen Namen zu finden, muss ich zuerst einen Namen für meine Sprache finden. Wenn ich von meinem Vaterland spreche, spreche ich auch von meiner Sprache, denn ich bin in einer Sprache aufgewachsen. Wortwörtlich. Geboren wurde ich in Slowenien, schon als Baby habe ich Slowenisch gelernt, das ist die Sprache, die ich mit meinen Kindern und meiner Frau spreche, die Sprache, in der ich schreibe. Aber in meiner Kindheit befand sich, was mir am meisten zu eigen war, in einer anderen Sprache, in der Sprache meiner Eltern, in einer Sprache, die keinen Namen hat. In der Sprache war mein Zuhause, in ihr war meine Familie, in der Sprache war die ganze Liebe. Die Liebe in der anderen Sprache habe ich lange nicht gekannt. Ich musste erst ein großer Junge werden, bevor mich zum ersten Mal jemand auf Slowenisch geliebt hat.

          Meine erste Sprache ist damals genauso zerfallen wie der Staat Jugoslawien, nur völlig unbemerkt. Serbokroatisch hat man sie einmal genannt, heute nennt man sie Kroatisch, Bosnisch, Serbisch und Montenegrinisch. Alle diese vier Sprachen sind mir verständlich, aber keine ist wirklich meine. Meine Sprache, meine Muttersprache gibt es nicht mehr, sie existiert offiziell nicht. Wenn ich in meiner Sprache schreibe, passe ich sie daher laufend einer der vier offiziellen Sprachen an, ich übersetze und lektoriere mich. Wenn ich spreche, achte ich unbewusst darauf, dass mich mein Gesprächspartner versteht, wähle die Wörter sorgsam und verwende oft auch solche, die mir nicht zu eigen sind. Als würde ich meiner Sprache nicht ganz trauen, als würde ich mir selbst nicht ganz trauen. Meine namenlose Sprache hat eben kein Wörterbuch, keine Rechtschreibung, vor allem aber hat sie keine anderen Sprecher. Viele verstehen sie, sprechen tue aber nur ich sie. In langen Jahren der Einsamkeit in mir hat sie sich verselbstständigt, ist den anderen Sprachen ungleich geworden.

          Aber diese Sprache, das bin genau genommen ich. Und dieses Vaterland ohne Namen, auch das bin ich. Namenlos bin ich, und doch bin ich. Niemand kann mich verneinen. So wie auch niemand mein Vaterland verneinen kann. Ich bin kein Apatride. Ich wurde von nirgendwo vertrieben. Nach vierzig Jahren lebe ich noch immer dort, wo ich geboren wurde. Und immer leichter komme ich mit der Namenlosigkeit zurecht, immer weniger möchte ich das benennen, was ich bin, was ich fühle, was ich liebe. Den Schriftsteller in mir habe ich schon fast davon überzeugt, dass bestimmte Dinge ohne Namen existieren können, dass sie wegen der Namenlosigkeit nicht weniger existent sind. Ich glaube sogar, dass ich die Namenlosigkeit bald so sehr liebgewinnen werde, dass ich nicht mehr auf sie verzichten möchte.

          Namen sind nämlich hier, in unseren Gegenden – sehen Sie, ich habe schon begonnen –, ganz besonders einengend. Sie sagen so wenig über uns aus, obwohl sie immer zu viel sagen. Unsere Namen sind seit jeher gewohnt, in die Irre zu führen und zu lügen, sie sind gewohnt, uns vor anderen und vor uns selbst zu verstecken, uns zu verfälschen und zu verändern. Deshalb kann in unseren Gegenden nur ein Mensch ohne Namen sich selbst gehören. Und nur ein Mensch, der sich selbst gehört, kann ein Mensch sein.

          Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof

          Goran Vojnović, geboren 1980 in Ljubljana, ist Regisseur und Autor. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der Roman „Unter dem Feigenbaum“ (Folio Verlag).

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