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Arabische Literatur : Und die Wüste blüht schon vor der Buchmesse

  • -Aktualisiert am

Literarisches Thema: der Bruch zwischen modernem Ölstaat und der Tradition Bild: EPA FILES

Wenn die arabische Liga zur Buchmesse anreist, wird sie keinen Wüstensand mehr im Gepäck haben: literarische Ansichten Saudi-Arabiens und ein Blick auf das Werk Abdalrahman Munifs, Abdallah al-Qasimis und Raja' Alims.

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          Mit flatternden Gewändern patrouillieren die Sittenwächter auf Straßen, Märkten und in Restaurants. Ihren scharfen Blicken entgeht kein Härchen. Unermüdlich lassen sie ihre Mahnung schallen: "Bedecke das Haar, du unantastbares Weib; lege deine Handschuhe an, deine Finger sind entblößt . . ."

          Weil der männliche Blick in weibliche Antlitze in der wahhabitischen Monarchie höchst verdächtig ist und darin etwas unterschwellig Erotisches vermutet wird - trotz der totalen Verschleierung bei über vierzig Grad Hitze -, gilt die religiös legitimierte Überwachung als Privileg. Manche aufgebrachten Frauen wehren sich: "Warum schaust du mich so an? Laß den Blick von mir!" Es kann vorkommen, daß eine Frau einfach festgenommen wird, wenn sie ohne Begleiter unterwegs ist. Auch die Männer müssen sich an die Normen halten. Einem Mann ist es untersagt, in kurzer Hose auf die Straße zu gehen oder sich mit einer ihm nicht verwandten Frau öffentlich zu zeigen.

          Jede Einmischung von außen zum Scheitern verurteilt

          Im posttalibanischen Musterstaat Saudi-Arabien ist lediglich der Herrscherfamilie, die nahezu 2500 Prinzen umfaßt, alles erlaubt, Prinzessinnen natürlich ausgenommen. In der Zeit der "unkalkulierbaren Risiken", in der Kriege jederzeit vom Zaun brechen können, bemüht sich die Prinzenriege, Einheit und Entschlossenheit zu demonstrieren. Wortführer der Wüstendynastie ist der saudische Außenminister Prinz Saud al-Faisal. Beim Kulturfestival "al-Qanadiriya" beschwor er die islamisch-arabische Identität seines Landes und zeigte sich gleichzeitig offen für Reformen - sofern diese in den "Rahmen des gesamten arabischen Reformprozesses" gestellt würden.

          Drei fatale Illusionen, so al-Faisal, beeinträchtigten die Beziehungen zwischen Volk und politischer Führung. Erstens die wiederholte Forderung der Regierung, Reformen zu verschieben, damit die inneren Kräfte gegen äußere Aggressoren mobilisiert werden können; zweitens der angebliche Widerspruch zwischen Moderne, Globalisierung und traditionellen Werten der arabischen Gesellschaft; drittens der mißverstandene Pluralismus, wo die Einmischung der Bürger entweder übertrieben vergrößert oder zur Bedeutungslosigkeit reduziert werde. Den arabischen Menschen, so der Prinz, stehe nichts Geringeres bevor als die Befreiung von allen Hindernissen, die sie am Denken und an kreativer Beschäftigung hindern. Die Europäer sollen allerdings nicht zu ungeduldig sein: "Wir wollen von Ihnen lernen, aber wir wollen nicht, daß uns Dinge aufgezwungen werden." Die Botschaft ist klar: Jede Einmischung von außen ist zum Scheitern verurteilt.

          Der Mut und der Einsatz saudischer Intellektueller

          Tatsächlich bewegt die saudische Gesellschaft sich stetig nach vorn. Es gibt zur Zeit etwa 4,3 Millionen Schüler und Studenten im Königreich, wobei Schülerinnen und Studentinnen sogar überwiegen. Ein Drittel der staatlichen Stellen wird von Frauen besetzt. Zugleich läßt sich erstmals eine Öffnung in Richtung anderer Konfessionen ausmachen. Wo früher Schiiten, Saiditen oder andere religiöse Minderheiten mit Argwohn betrachtet wurden, führt man inzwischen Gespräche auch über andere religiöse Überzeugungen. Diese Öffnung geht unter anderem auf eine Empfehlung des "Nationalen Treffens für Gedankenaustausch" zurück, die vorsieht, daß die Informationspolitik ein Gleichgewicht im Dienst "der Religion und des Vaterlands" herstellt, eine "objektive wissenschaftliche Darstellung fern von jeglicher Teilung und Splitterung und die gedankliche und konfessionelle Vielfalt berücksichtigt".

          Dies praktizieren die saudiarabischen Intellektuellen seit langem. Ihnen ist es zu verdanken, daß im Denken der politischen Elite eine wenn auch erst zögerliche Veränderung eingetreten ist. Liest man die Schriften von saudischen Intellektuellen wie Turki al-Hamad, Abdallah al-Qudami oder Abda Khal, beeindruckt der Mut und der Einsatz, den sie aufbringen.

          Abdalrahman Munifs frühes Wagnis

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