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Arabien auf der Buchmesse : Keine heile Welt

Begegnung der Kulturen in Frankfurt Bild: dpa/dpaweb

Die Arabische Liga wird auf der Buchmesse bemüht sein, eine heile arabische Welt zu zeigen: kein leichtes Unterfangen bei dem Ausmaß von Krieg, Hunger, Unrecht, Folter und Unterdrückung in diesem Teil der Welt.

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          "Die heile Welt ist nach Quadratkilometern zu zählen. Die großzügigen Parklandschaften, in denen die Reichen ihre Villen, Einkaufszentren und Eliteschulen errichtet haben, sind umgeben von hohen Mauern, an deren Eingängen hochtechnisierte Sicherheitsdienste darüber wachen, daß niemand den Frieden stört."

          Von welcher Weltgegend ist hier die Rede? Ist Kalifornien gemeint, Südfrankreich, Liechtenstein oder vielleicht Monte Carlo? Nein, mit diesen Worten beginnt ein Essayband über den "Schönen neuen Orient", der in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast ist. Das Buch versammelt "Berichte von Städten und Kriegen" und erzählt von Brennpunkten unserer Welt: Ägypten, Pakistan, Tadschikistan, Indonesien oder Iran. In all diesen Ländern ist die Kluft zwischen Arm und Reich oft so unbeschreiblich groß, daß die Reichen gute Gründe haben, sich ihren Reichtum unsichtbar zu wünschen und ihre kleine heile Welt hinter hohen Mauern zu verbergen.

          Der Westen soll verantwortlich sein

          Aber die Empörung über das Ausmaß dieser Kluft richtet sich in der Regel nach außen. Es ist der Westen, der für jeden Mißstand, jedes Unrecht im eigenen Land verantwortlich sein soll. So sehen es viele Politiker, so steht es in vielen Zeitungen, so predigt es mancher islamische Vorbeter,und niemand muß sich wundern, wenn weite Teile der Bevölkerung keinen Zweifel an dieser Sicht der Dinge haben. Jetzt ist die Arabische Liga zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse, und sie wird bemüht sein, dem internationalen Messepublikum eine zumindest einigermaßen heile arabische Welt zu zeigen. Aber wie könnte diese aussehen, wenn man das Ausmaß von Krieg, Hunger, Unrecht, Folter und Unterdrückung in diesem Teil der Welt bedenkt?

          Es ist in den letzten Monaten mit gutem Grund oft darauf hingewiesen worden, daß die arabische Welt höchst heterogen ist, daß es Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten bis hin zu Feindschaften zwischen den einzelnen Ländern gibt und daß auch innerhalb der literarischen Kreise eines Landes die Ansichten über Kultur und Politik, Terrorismus oder Menschenrechte weit auseinandergehen.

          Nur linientreue Autoren?

          Noch im Frühjahr dieses Jahres schien der Streit in der Arabischen Liga so groß, daß auch wohlwollende Beobachter sich sorgten, ob ein gemeinsamer Auftritt in Frankfurt überhaupt zustande kommen würde. Andere warnten davor, daß die Verantwortlichen, also Politiker und Verleger, nur linientreuen Autoren den Weg nach Frankfurt erlauben würden. Den Koran, die Kalligraphie, Bauchtanz und einige Klassiker - mehr, so prophezeite vor einiger Zeit ein Verleger aus dem Libanon, werde die Frankfurter Buchmesse von der reichen und widersprüchlichen Kultur Arabiens wohl nicht zu sehen bekommen. Denn alles andere würde verboten.

          Daß es nun anders zu kommen scheint, hat sicherlich viel mit dem Protest arabischer Autoren zu tun, die früh und lautstark davor gewarnt haben, die Auswahl der nach Frankfurt einzuladenden Schriftsteller und Verleger allein den Funktionären zu überlassen. Viele dieser Autoren leben im Ausland, in Frankreich, Deutschland oder in den Vereinigten Staaten. Manche von ihnen dürfen ihre Heimat nicht mehr betreten. Viele von ihnen schreiben ganz überwiegend für ein Publikum, das wie sie selbst die Heimat verlassen hat oder ohnehin im Westen beheimatet ist.

          Unverständnis in der Heimat

          In Paris oder Berlin gelten Schriftsteller als Repräsentanten der arabischen Kultur, in ihren Heimatländern aber gelten sie als Repräsentanten von Berlin oder Paris. Denn viele arabische Autoren sind so stark von der westlichen Literatur der Gegenwart oder der klassischen Moderne beeinflußt, daß sie zwar im Westen ohne Schwierigkeiten gelesen werden, aber in ihrer Heimat weitgehend auf Unverständnis stoßen, weil dem dortigen Publikum fast alle Voraussetzungen fehlen, die zum Verständnis dieser Bücher nötig wären. All diese Autoren repräsentieren etwas, was in ihren Heimatländern allenfalls in Ansätzen besteht: eine aufgeklärte, an westlichen Werten orientierte arabische Kultur.

          Daß dieser Teil der arabischen Literatur in Frankfurt stark vertreten sein wird, hängt auch damit zusammen, daß die Verantwortlichen der Arabischen Liga rechtzeitig erkannt haben, daß ihr Auftritt nur dann erfolgreich sein kann, wenn er einigen der wichtigsten Regeln der Gastgeber unterworfen wird. Das Bild der arabischen Welt, das in Frankfurt gezeigt wird, dürfte zu einem nicht geringen Teil von den Erwartungen des Westens bestimmt sein.

          Kritische Stimmenvielfalt

          Die Verantwortlichen wissen, daß die heile Welt westlichem Verständnis nach dann gegeben ist, wenn ohne Gefahr für Leib und Leben gesagt werden darf, daß unsere Welt eben nicht heil ist, daß böse Narren herrschen, wie es in einem Gedicht von William Butler Yeats heißt. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird diese heile Welt der Meinungsfreiheit und der kritischen Stimmenvielfalt auf der Buchmesse auch in diesem Jahr nicht fehlen. Sie wird sehr klein sein und für ein paar Tage ein paar hundert Quadratmeter umfassen, mehr nicht. Das ist viel und wenig zugleich. Aber anders kann es vermutlich zur Zeit auch gar nicht sein.

          Zur arabischen Kultur gehört ihre reiche Tradition ebenso wie ihre zerrissene Gegenwart, die wunderbare Schriftkunst ebenso wie der Analphabetismus auf dem Land. Große Autoren haben ihren Anteil an ihr, Nagib Machfus, der greise Nobelpreisträger in Kairo, ebenso wie Adonis, der syrische Dichter, der seit vielen Jahren in Paris lebt. Kleine Verlage in Beirut oder Kairo gehören zur arabischen Kultur, wenn sie Manuskripte verbotener Dichter veröffentlichen, und der mehr oder weniger staatlich organisierte Raubdruck in Syrien gehört dazu. Es ist keine heile, sondern eine heillos zerrissene Welt. So fremd sie uns manchmal auch erscheinen mag, wir sollten nicht vergessen, daß sie uns heute fast so nahe gerückt ist wie Kalifornien, Südfrankreich oder Liechtenstein.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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