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Antisemitismus in Deutschland : Wo beginnt der deutsche Sonderweg?

  • -Aktualisiert am

Antisemitismus in Deutschland: Diskriminierende Straftaten gegen Juden nehmen zu. Bild: dpa

Antisemitisch motivierte Straftaten nehmen hierzulande zu, der Hass scheint zu wachsen. Doch wie war es früher in Deutschland? Eine Reportage und eine historische Studie zum Antisemitismus geben Auskunft.

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          Alle Statistiken, die amtliche des Innenministeriums wie die Berichte und Zählungen von Stiftungen und Vereinen, die das Thema verfolgen, zeigen einen klaren Trend: Die Zahl antisemitischer Straftaten und Vorkommnisse ist in den vergangenen Jahren steil angestiegen. Dazu kommt noch ein großes Dunkelfeld, auf das manchmal ein grelles Schlaglicht fällt, etwa wenn den Hintergründen des Attentats von Halle nachrecherchiert wird. Dass dabei der Hass, der sich im Internet austobt, eine wichtige Rolle spielt, ist offensichtlich. Genauso wie sich immer wieder zeigt, dass Verschwörungstheorien, die bei „Querdenkern“ und anderen Protestgruppen kursieren, fast durchweg einen antisemitischen Kern haben.

          Wie eng Rechtsextremismus und Antisemitismus zusammenhängen, bedarf keiner besonderen Erläuterung. Doch ist Antisemitismus, wie die beiden Journalisten Eva Gruberová und Helmut Zeller schreiben, tatsächlich schon „salonfähig“ geworden? Das wird man bestreiten können: Wer sich antisemitisch äußert, kann, jedenfalls im öffentlichen Leben, weder mit Sympathien noch mit Gehör rechnen. Das schließt allerdings nicht aus, dass in der Gesellschaft antisemitische Stereotypen verbreitet sind oder dass es Netzwerke von Rechtsradikalen und Antisemiten auch im öffentlichen Dienst gibt – ein Phänomen, das lange verdrängt wurde und erst seit kurzem in den Fokus der Politik geraten ist.

          Gruberová und Zeller sprechen im Untertitel ihres Reportagebuches, das sie durch ganz Deutschland geführt hat – zu jüdischen Gemeinden, in Schulen, zu Muslimen, in rechtsextremistische „Hotspots“ –, vom „Judenhass“ als „Wiederkehr einer deutschen Krankheit“. Auch das ist nicht richtig, wie Ronen Steinke in seiner exzellenten Analyse (F.A.Z. vom 11. Juli 2020) nachgewiesen hat: Der Antisemitismus war seit Beginn in der Bundesrepublik präsent, von der man hätte annehmen sollen, dass sie mit der fortschreitenden Aufklärung über die NS-Zeit und nach Prozessen wegen des Mordes an den europäischen Juden dagegen immunisiert worden sei. Man darf auch bezweifeln, dass es sich nur um eine „deutsche“ Krankheit handelt, denn antisemitische Vorfälle und mörderische Attentate hat es auch in anderen europäischen Ländern gegeben – ein Blick nach Frankreich genügt.

          Ungewollte Folgen der Debatten um Emanzipation

          Ob der Antisemitismus in Deutschland eine besondere Geschichte hat, für die manchmal der Begriff des „eliminatorischen“ (Daniel Goldhagen) oder Vernichtungs-Antisemitismus verwendet wird (so auch bei Gruberová und Zeller), ist Gegenstand der Studie des Historikers Peter Longerich. Sein Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes ein dicker Brocken und beruht auf stupender Quellenkenntnis. Der Autor ist als Kenner des „Dritten Reichs“ und seiner „Judenpolitik“ ausgewiesen, und deshalb wird man seinem Urteil, dass es sich bei der Ausbreitung des Antisemitismus im neunzehnten Jahrhundert um ein gesamteuropäisches Phänomen gehandelt habe, „mit sehr starken – jeweils unterschiedlichen – nationalen Wurzeln“, Gewicht beimessen müssen.

          In seiner Geschichte, die mit der Aufklärung beginnt und bis in die Gegenwart reicht, zeigt Longerich, dass der Antisemitismus „heterogen und eklektisch“ war und ist. Es ist gerade seine Wandlungs- und vielfältige Anschlussfähigkeit, die seine Entwicklung und seinen Fortbestand bis heute möglich gemacht hat. So weist Longerich darauf hin, dass schon der frühe, von religiösen Motiven („Gottesmord“) getragene Antisemitismus auch säkulare Elemente enthielt, genauso wie sich im „modernen“ Antisemitismus vielerlei Motive vermischen und überlagern, ganz ungeachtet der Widersprüche und Gegensätze, die es zwischen ihnen gibt.

          Longerichs Generalthese lautet, dass die „Judenfrage“ in Deutschland im Zuge der Nationwerdung entstanden, geradezu geschaffen worden sei, paradoxerweise parallel zu den Bemühungen zur „bürgerlichen Verbesserung der Juden“. Das war der Titel einer programmatischen Schrift aus dem Jahr 1781, die zum Auftakt einer über Jahrzehnte geführten Debatte wurde. In dieser wurde von allen Seiten die Frage beleuchtet, „ob die Angehörigen der jüdischen Minderheit nach religionsethischen, moralischen, kulturellen, ethnischen und sonstigen Kriterien die notwendigen Voraussetzungen erfüllten, um sich als gleichberechtigte deutsche Staatsbürger zu qualifizieren“. Damit, meint Longerich, habe die „Judenfrage“ im öffentlichen Bewusstsein „eine solche Dimension und Bedeutung erlangt, dass sie mit der formalen Gleichstellung nicht erledigt war, sondern auf andere Weise immer und immer wieder neu aufgeworfen werden“ konnte.

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