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Antisemitismus in Deutschland : Wo beginnt der deutsche Sonderweg?

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Longerich verfolgt diese Debatte, die bald unter dem Stichwort „Emanzipation“ geführt wurde, ungemein detailliert durch ihre vielen Verästelungen und Entwicklungen, die schließlich im rassistischen, völkischen Antisemitismus mündeten, und er erörtert auch ihre Ergebnisse: Trotz vieler antisemitischer Schriften und Vereine wurde den Juden, schrittweise und phasenverschoben in den verschiedenen Ländern, die zuerst den Norddeutschen Bund, dann das Deutsche Reich bildeten, schließlich die rechtliche Gleichstellung gewährt.

Es ist seine These, dass im Kaiserreich der Antisemitismus – ein Begriff, der erst 1879 geprägt wurde – im Grunde mit einem anrüchigen Odium behaftet blieb, auch wenn es schon früh Vertreibungs- und Vernichtungsphantasien gab. Das klingt doch etwas exkulpierend angesichts des von dem prominenten Historiker Heinrich von Treitschke im Berliner Antisemitismusstreit (1879) zitierten Spruchs aus den Kreisen „der höchsten Bildung“: „Die Juden sind unser Unglück!“

Unangenehme Fragen zu heutigen Formen der Aufklärung

Was das Kaiserreich von der Weimarer Republik unterschied, war allerdings, dass der Antisemitismus nicht zur politischen Systemkritik wurde, er blieb gewissermaßen kaiser- und reichstreu. Seine volle Ausprägung und Wirkkraft, glaubt Longerich, sei erst in der Weimarer Republik zutage getreten, als der Antisemitismus von der Rechten zum Synonym für die Beseitigung des verhassten „Weimarer Systems“ umgemünzt wurde, also eine revolutionäre Stoßrichtung bekam.

Der Mord an Rathenau kann dafür als Symbol stehen, Parteien – etwa die Deutschnationale Volkspartei – nahmen Juden nicht mehr als Mitglieder auf, der gesellschaftliche Ausschluss der Juden und Boykottbewegungen gegen sie begannen, und zwar schon lange vor 1933. Den deutschen Sonderweg des Antisemitismus sieht Longerich schließlich darin, „dass es der NSDAP als Speerspitze der antisemitischen Bewegung gelang, an die Macht zu kommen, die nun als erstes daranging, eine alles umfassende judenfeindliche Politik durchzusetzen“ – im Unterschied zum faschistischen Italien. Im Gegensatz zu Goldhagens These vom „eliminatorischen“ Antisemitismus der Nationalsozialisten sieht Longerich den Weg zur Judenvernichtung als improvisiert an, jedenfalls nicht als kontinuierliche Radikalisierung mit dem von vornherein geplanten Ziel der „Endlösung“.

Im letzten Teil seines Buches beschreibt Longerich das Fortleben des Antisemitismus in Deutschland nach dem Krieg am Leitfaden von Ereignissen wie dem ersten Mord an einem jüdischen Repräsentanten in Erlangen (1980) bis zum als Massenmord geplanten Anschlag auf die Synagoge in Halle (2019). Dazu kommen zentrale Debatten: ganz früh etwa über den Regisseur Veit Harlan („Jud Süß“), es gab den Frankfurter Theaterstreit und den Historikerstreit, und es gab heftige Diskussionen über die Wehrmachtsausstellung oder über Martin Walsers Rede zur Verleihung des Friedenspreises. Begleitet wurde das von einer zunehmend maßlosen Kritik am Staat Israel und seiner Besatzungspolitik.

Abschließend weist Longerich auf Leerstellen bei der Erforschung des Antisemitismus hin. So sieht er beispielsweise eine frappierende „Diskrepanz zwischen den Kenntnissen über das Ausmaß des muslimischen Antisemitismus und der verstärkten Medienaufmerksamkeit“ für ihn. Longerich konstatiert, dass Antisemitismus in Deutschland wesentlich stärker verbreitet sei als in anderen westeuropäischen Ländern. Und er stellt auch unangenehme Fragen, die für Streit sorgen könnten, etwa ob die Anstrengungen zur historischen Vermittlung des Themas in der Schule kontraproduktiv sein könnten und, generell, ob die Maßnahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus zielführend und wirksam seien. Die Berichte und Reportagen von Gruberová und Zeller machen solche Überlegungen plausibel. Und niemand weiß wirklich Antworten auf die in beiden Büchern ausdrücklich oder implizit gestellten Fragen.

Buchempfehlungen

Eva Gruberová  und Helmut Zeller: 
„Diagnose: Judenhass“. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit. 
C. H. Beck Verlag, 
München 2021. 
279 S., geb., 16,95 €.

Peter Longerich: 
„Antisemitismus“:  Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute. 

Siedler Verlag, 
München 2021.
631 S., geb., 34,– €.

 

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