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Roman „Das Holländerhaus“ : Das Haus, darin sich Schicksale kreuzen

Literatin und Besitzerin einer Buchhandlung: Ann Patchett. „Das Holländerhaus“ ist ihr achter Roman. Bild: Heidi Ross

Keine Bleibe ist von Dauer – und doch kann ein Gebäude zum Bezugsort einer Familie werden, über Generationen und Krisen hinweg. Ann Patchett erzählt davon in ihrem neuen Roman „Das Holländerhaus“. Ein Lesevergnügen.

          2 Min.

          Vor die Tür gesetzt gegen ihren Willen – Danny und seine Schwester Maeve kommen jahrzehntelang nicht über das hinweg, was ihnen als Kindern widerfahren ist. Rauchend sitzen die Conroy-Geschwister im Auto, das sie in Sichtweite ihres früheren Zuhause parken, immer wieder, und schauen zurück auf das „Holländerhaus“, das Ann Patchetts jüngstem Roman seinen Namen gibt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Besagtes Haus steht weder in Holland, noch ist es im Stil holländischer Backsteinbauten errichtet; es befindet sich in Elkins Park, Pennsylvania, wo in den Goldenen Zwanzigern die Wirtschaftselite Philadelphias sich Prunkvillen für ein Leben wie in „Der große Gatsby“ errichtete. Im Roman ist ein Unternehmerehepaar mit holländischen Wurzeln darunter, das mit Zigaretten ein Vermögen machte und in der Weltwirtschaftskrise fast alles verlor. Bis auf das Haus mit dem europäischen Prachtinventar, in das sich nach dem Tod der VanHoebeeks erst Dannys und Maeves Vater, ein neureicher Immobilienhai der fünfziger Jahre, dann dessen zweite Ehefrau Andrea verliebten. Dass Cyril Conroy sich neu verheiraten konnte, lag einzig daran, dass die erste Frau und Mutter seiner Kinder den Stein gewordenen Luxus nicht ertrug und verschwand. Ein schwacher Trost, dass für die Angestellten die ursprüngliche Mrs. Conroy „eine Heilige“ war, wirkte doch die folgende zerstörerisch wie die böse Stiefmutter im Märchen.

          Als könnte man in die Biographien Fremder einziehen

          Von Habenichtsen zu Villenbewohnern und zurück und das Ganze noch einmal von vorne: Vordergründig erzählt Ann Patchetts Geschichte, die trotz ihres historischen Settings nahezu zeitlos wirkt, von Aufstieg und Niedergang. Tatsächlich ergründet sie Glück wie Leid familiärer Zwangsbeziehungen und Wahlverwandtschaften, was man als ein fernes Echo ihres preisgekrönten Romans „Bel Canto“ von 2003 auffassen kann, in dem es um südamerikanische Geiselnehmer, ihre Geiseln und das Stockholm-Syndrom ging. In „Das Holländerhaus“ ist das Eigenheim kein Gefängnis, sondern ein transitorischer Ort. Das deutet schon der Umstand an, dass in ihm so viel Glas verbaut wurde, dass man „mitten hindurch“ schauen kann, von der Auffahrt bis in den Garten. Es bleibt Durchgangsstation selbst für diejenigen, die sich mit aller Entschlossenheit darin dauerhaft einnisten wollen, wie die Stiefmutter Andrea.

          Halb transparent, wirkt das Haus durchaus geisterhaft (Isabel Allende lässt grüßen), bewohnt nicht allein von denen, die leibhaftig anwesend sind, sondern auch jenen, die längst ausgezogen sind, lebendig oder mit den Füßen voran. Über dem Kamin folgen die Augen der in Öl gemalten VanHoebeeks jeder Bewegung, daneben hängt ein Gemälde, das für immer Maeve als Zehnjährige zeigt. Eine verwirrte Seele hält das Trio für die eigenen Eltern sowie die eigene Tochter. Als könnte man in die Biographien Fremder einziehen und sie sich zu eigen machen wie Häuser.

          Frieden schließen mit der Vergangenheit

          Dass Ann Patchett für die Gestaltung des Buchumschlags bei dem Maler Noah Saterstrom ein fiktives Porträt Maeves in Auftrag gegeben hat, ist nur konsequent. Die Erzählstimme im aus ineinandergeschobenen Rückblenden komponierten Roman gehört Danny, dessen Hausbesessenheit sich auch in der Berufswahl ausdrückt. Sein Bezugspunkt aber und die Hauptfigur bleibt Maeve, die Kluge, Unversöhnliche, Pragmatische, die doch Frieden schließt mit der Vergangenheit. Man muss nicht Freud bemühen, um im Haus ein Symbol für den Seelenhaushalt zu erkennen, für Leben, Liebe, Tod, Freiheit und Abhängigkeit. Ann Patchett überstrapaziert das nicht, wie überhaupt nichts strapaziös wird in diesem Roman. Angesiedelt in der gehobenen weißen Mittelschicht, werden soziale und politische Verwerfungen der Vereinigten Staaten allenfalls gestreift, doch die Beschränkungen, die den komplexen Frauenfiguren auferlegt sind, machen „Das Holländerhaus“ dann doch zu einem heimlich feministischen Roman. Ein Lesevergnügen, mit leichter Hand geschrieben, sich mühelos von einer unerwarteten Wendung zur nächsten bewegend, bis Willkommen und Abschied ineinanderfließen.

          Ann Patchett: „Das Holländerhaus“. Roman, Deutsch von Ulrike Thiesmeyer. Berlin Verlag, Berlin/München 2029. 400 S., geb., 22 Euro.

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