https://www.faz.net/-gqz-y3u7

Angriff auf die Buchpreisbindung : Der Preis läuft heiß

Amazon verkauft nicht nur Bücher, aber die Firma ist der mit Abstand größte Online-Buchhändler, auch in Deutschland Bild: dpa

Eigentlich sollten Bücher in Deutschland überall gleich viel kosten. Aber immer wieder verstoßen Online-Händler gegen die gesetzliche Regelung. Dagegen hat sich jetzt ein Buchhändler gewehrt - und gegen Amazon in erster Instanz gewonnen.

          Was weiß denn der normale Buchkäufer? Wahrscheinlich hat er in den Rabattschlachten des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts das Bewusstein verloren, dass ein Buch ein Buch ist und also zumindest in Deutschland überall gleich viel kostet. Egal, ob man „Axolotl Roadkill“ auf der Insel Rügen oder in Berchtesgaden erwirbt – es gilt der gesetzlich gebundene Buchpreis.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Jedenfalls so lange, bis er gebrochen wird. Was ununterbrochen geschieht. Die Gründe dafür sind mannigfaltig; aber dass Verstöße gegen das Preisbindungsgesetz sehr wohl kalkuliert sein können, ist eine Üblichkeit.

          Drei Tage früher, drei Euro billiger

          Und das geht so: Ein großer Online-Buchhändler – nennen wir ihn Amazon – liefert einen aktuellen Bestseller – nehmen wir Stephenie Meyers „Bis(s) zum Abendrot“ – bereits drei Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart aus und macht ihn auch noch drei Euro billiger. Wer wird da noch den regulären Preis zahlen und warten wollen? Der Fall mag prominent sein, singulär ist er nicht.

          Hier kann man den streitbaren Buchhändler bei der Arbeit treffen: die Buchhandlung Schopf in Brunsbüttel

          Wie im gesamten Einzelhandel kennt auch der Buchhändler das Phänomen, dass Kunden mit Ausdrucken kommen und sagen, sie hätten dieses oder jenes Produkt im Netz zu dem Preis gefunden – eine Zwickmühle für den stationären, mittelständischen Buchhandel: Weder kann er einen Nachlass gewähren, noch kann er den Verdacht ausräumen, Bücher seien im Internet grundsätzlich billiger zu haben.

          Notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof

          Die Situation war auch Dietrich Wienecke geläufig. Der Vierzigjährige betreibt die hundertfünfzig Quadratmeter schlanke Traditionsbuchhandlung Schopf im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel. Immer wieder, berichtet er, erfuhr er auch, dass Lehrer ihren Schülern den Tipp gaben, Unterrichtsmaterialien nicht bei ihm, sondern bei Amazon zu ordern, weil sie dort billiger seien. Verstehen könne er die Kunden wohl, aber gefallen lassen wollte er sich das denn doch nicht.

          Also fing er an, den Online-Marktführer abzumahnen, dann einstweilige Verfügungen zu schicken. Nach dem Stephenie-Meyer-Verstoß reichte er Klage ein am Landgericht Hamburg. Ein Vergleich, der größere Preissorgfalt auf Seiten Amazons zum Ziel hatte, scheiterte. Nun hat Wienecke in erster Instanz gewonnen; künftig drohen Amazon bei Verstössen Ordnungsgelder. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, der Online-Händler will bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.

          Mit Amazon will sich niemand schecht stellen

          Hat hier David Goliath besiegt, oder handelt es sich um einen Pyrrhussieg? Seit der Urteilsverkündung wogt die Debatte, auch weil der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sein Mitglied Wienecke im Kampf gegen das Nichtmitglied Amazon so tatkräftig nicht unterstützt hat. An einem auskömmlichen Verhältnis zu Amazon ist die ganze Buchbranche interessiert, das weiß der Online-Händler, dessen Börsenkapitalisierung derzeit mit 33,5 Milliarden Dollar notiert.

          Der normale Buchkäufer aber lernt, dass Datenbanken auch nur Menschen mit gelegentlicher „Serverschwäche“ (Börsenvereins-Justiziar Christian Sprang) und also voller Fehler sind. Dank Wieneckes beherzter Aktion und aufgrund eines Datenabgleichs ist bei Amazon sowie im Verzeichnis lieferbarer Bücher (VlB) die Fehlerquote von einem Prozent – das entspricht rund zehntausend Titeln mit falschen Preisen – mittlerweile verringert worden. Gezielte Verstösse wird das nicht verhindern.

          Immer mehr „Non-Books“ im Buchhandel

          Es geht bei der Auseinandersetzung um jene Glut, die jederzeit zu einem Flächenbrand werden kann: Ähnlich wie beim Urheberrecht herrscht bei der Preisbindung in Zeiten der Gratis-Netzkultur der Eindruck vor, man habe es mit Auslaufmodellen zu tun, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bevor sie verschwänden. Die Preisbindung fördere geradezu die Entwicklung von Monopolen, behaupten ihre Gegner. Freilich liefert der Wettbewerb in Märkten, die keine Preisbindung mehr kennen, ein zwiespältiges Bild.

          Es ist nicht so, dass in den Vereingten Staaten, in England oder in Schweden der Buchmarkt kollabiert wäre, aber er hat sich stark verändert, konzentriert sich im Massenmarkt auf wenige Umsatzbringer – ein Weg, den Deutschlands große Filialisten längst eingehen. Soeben haben die Geschwister Hugendubel, Deutschlands zweitgrößte Buchhändler, dem Branchenmagazin „Buchreport“ anvertraut, sie würden künftig weniger Titel und dafür dreißig Prozent „Non-Books“ anbieten.

          Kooperation oder Konfrontation?

          Auch gegen diese Entwicklung hat sich Dietrich Wienecke aufzulehnen getraut. Aber das gefällt all jenen nicht, die unter der Flagge der Kooperation möglichst jede Konfrontation vermeiden. Wie rüde es zugeht, kann man derzeit einmal mehr in den Vereinigten Staaten erleben: Dort hat Amazon sämtliche Titel der zu Holtzbrinck gehörenden Macmillan Verlage ausgelistet, als diese bei der Vorstellung des iPad auf der Liste der Apple-Geschäftspartner auftauchten.

          Und hierzulande beschwichtigt der Börsenverein mit dem Argument, eine allzu heftige Preisdebatte könnte die Preisbindung insgesamt gefährden. Im Land der sich auflösenden Gewissheiten und des sich rasant ändernden Geschäftsgebarens lautet die Devise: lieber ganz leise sein, damit man keine Internetriesen weckt. Dass diese keineswegs schlafen, sondern längst die Spielregeln diktieren, macht den Fall so symptomatisch.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Axel Voss auf der Gamescom : Zu Gast bei Feinden

          Der EU-Abgeordnete Axel Voss ist die Hassfigur der Youtuber und Gamer. Mit der Reform des Urheberrechts hat er die Szene gegen sich aufgebracht. Sein Besuch auf der Spielemesse Gamescom lief dann aber anders als erwartet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.