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Anfänge eines Schriftstellers : Literatur als gutartige Explosion

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Die Anfänge sind gemacht: Ian McEwan im Jahr 1979 am Arbeitsplatz. Bild: Getty

Wohnt jedem Anfang ein Zauber inne? Ian McEwan hörte während seiner schriftstellerischen Anfänge fremde Stimmen. Eine Erinnerung an Zeiten, in denen wilde, dunkle Impulse von ihm Besitz ergriffen.

          Im Jahr 1970, mit zweiundzwanzig, zog ich nach Norwich und mietete ein hübsches kleines Zimmer am Stadtrand. Eigentlich war ich für einen Master-Studiengang in Englisch an der University of East Anglia hergekommen, aber mehr als alles andere wollte ich schreiben. Am Ende der ersten Woche, nachdem sämtliche Formalitäten erledigt waren, setzte ich mich eines Abends an den kleinen Tisch neben meinem Bett und nahm mir vor, die ganze Nacht durchzuarbeiten, bis ich eine Kurzgeschichte fertig hätte. Notizen hatte ich keine, nur Fetzen, eine verschwommene Vorstellung davon, was für eine Geschichte das sein sollte.

          Nach einer Stunde begann mich von dem Blatt Papier eine fremde Stimme anzusprechen. Ich ließ sie reden. Ich arbeitete in die Nacht hinein, erfüllt von einem romantischen Bild meiner selbst: ein Schriftsteller, der, getrieben von einer zwingenden Idee, heldenhaft der Morgendämmerung entgegenschreibt, während die Stadt im Tiefschlaf liegt. Um sechs war ich fertig.

          Die Geschichte hieß „Gespräch mit einem Schrankmenschen“ und war eine von mehreren, die in diesem Jahr entstanden und in mein erstes Buch Eingang fanden, den Erzählband „Erste Liebe, letzte Riten“ von 1975. Der Erzähler der Geschichte war ein Mann, der nicht erwachsen werden wollte - eine merkwürdige Wahl, glaubte ich doch in diesem Jahr, endlich erwachsen geworden zu sein. Der Umzug nach Norwich war die erste wichtige Entscheidung in meinem Leben, bei der ich mich nicht vom Vorbild oder Ratschlag anderer hatte leiten lassen. Nach dem Bachelor-Abschluss sollte für mich ein neues Leben anfangen. Ich sah mich als hauptberuflichen Schriftsteller. Den Master konnte ich in meiner Freizeit machen. Ermöglicht wurde mir das durch ein Stipendium.

          Gemeinsam zum Abgrund

          Andere fremde Stimmen, andere bizarre oder elende Gestalten tauchten in diesem Jahr vor mir auf und schlichen sich in meine Geschichten. Gewalttätig, pervers, einsam, waren sie weit entfernt von dem Leben, das ich zu der Zeit in Norwich führte. Ich lernte zahlreiche neue Freunde kennen, darunter meine künftige erste Frau, las begeistert die amerikanische Literatur der Stunde, unternahm Wanderungen an der Küste von North Norfolk, hatte einmal auf dem Lande halluzinogene Drogen ausprobiert und nicht schlecht gestaunt - und dennoch, wann immer ich mich zum Schreiben hinsetzte, ergriffen die wildesten, dunkelsten Impulse von mir Besitz. Inzest unter Geschwistern, Transvestismus, eine Ratte, die ein junges Liebespaar drangsaliert, Schauspieler, die während der Probe Sex haben, Kinder, die eine Katze braten, Kindsmissbrauch und Mord, ein Mann, der einen Penis in einem Glas aufbewahrt und durch esoterische Geometrie seine Frau verschwinden lässt - so finster diese Geschichten sein mochten, schienen sie mir auch etwas Komisches zu haben. Zuweilen sah ich mich als wilden Mann, als fauviste, der sich gegen den bürgerlichen Scheidungsroman auflehnte, über den alle Welt jammerte.

          Vierzig Jahre nach Erscheinen dieses kleinen Erzählungsbandes sehe ich das naturgemäß anders. Selbstverständlich hatte die englische Literatur 1970 sehr viel mehr zu bieten als nur den sogenannten Hampsteader Scheidungsroman. Die vor einiger Zeit veröffentlichte Shortlist des sogenannten „Missing Booker“ (Aufgrund einer Reglementsänderung beim Booker Prize fielen Bücher, die im Jahr 1970 erschienen, durch die Maschen und konnten nicht für den Preis nominiert werden. Im Jahr 2010 wurde die Wahl nachgeholt. A. d. Ü.) beweist dies aufs eindrucksvollste. Im Übrigen ist Scheidung ein ergiebiges Thema und Hampstead ein vollkommen zulässiger Schauplatz. Bis zu meiner Ankunft in Norwich war ich ein schwärmerischer, etwas schüchterner oder eher zurückhaltender Junge und Teenager gewesen. Ich hatte keinen Ärger gemacht, mich klaglos in den Schulbetrieb gefügt und später als die meisten anderen mit Sex und Drogen Bekanntschaft gemacht - mit achtzehn beziehungsweise einundzwanzig. Die Literatur trug ihren Teil bei zu einer gutartigen Explosion in meinem Leben: Am Ende meiner akademischen Ausbildung spürte ich, dass ich alles tun konnte, was ich wollte.

          Und für mich war Literatur gleichbedeutend mit Freiheit. Joyces Kampf um die Veröffentlichung von „Ulysses“, der Prozess gegen „Lady Chatterley“, wilde Grenzüberschreitungen wie „Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth und Burroughs’ „Naked Lunch“: das alles sagte mir, wer Bücher schreibt, nimmt den Leser an die Hand, führt ihn zum Abgrund - und springt. Es ging darum, eine Grenze zu finden und sie dann zu überschreiten.

          Ein Leben ohne Punkte

          Freiheit und wie man sie nutzen oder missbrauchen kann war 1970 unser großes Thema. Ich sehne mich nicht nach dieser Zeit zurück, rümpfe aber auch nicht die Nase darüber. Sie hat manch Gutes gebracht, doch es gab natürlich auch Auswüchse. Als ich meinen Freunden in Norwich und den beiden Schriftstellern, die mich unter ihre Fittiche genommen hatten, Malcolm Bradbury und Angus Wilson, meine Geschichten zu lesen gab, war niemand schockiert, und niemand hielt die Geschichten für skandalös oder unmoralisch. Bradbury sagte meist etwas wie: „Nicht übel. Wann kann ich die nächste lesen?“

          Mitte der Siebziger ging den „Sechzigern“ die Puste aus. Die Kultur erwachte mit Kopfschmerzen und begann Bilanz zu ziehen. Als „Erste Liebe, letzte Riten“ herauskam, hatte es bei der Kritik (nicht aber bei den Buchkäufern) einen gewissen Erfolg. Doch auch die wohlwollenden Rezensenten äußerten sich schockiert: Was für ein Ungeheuer war da aufgetaucht? Manchmal waren gute und schlechte Rezensionen kaum voneinander zu unterscheiden, denn beide Seiten strichen genüsslich die vielen Obszönitäten und barocken Perversionen heraus.

          Bevor ich diese Gedanken niederschrieb, nahm ich „Erste Liebe, letzte Riten“ aus meinem Regal und las die Titelgeschichte. Das Exemplar gehörte einmal meinen Eltern, es enthält meine Widmung an sie vom 24. April 1975. (Sie waren sehr stolz und ein wenig entsetzt.) Ich glaube nicht, dass ich die Geschichte seit der Fahnenkorrektur Ende 1974 noch einmal gelesen habe. Nachdem sich mein Missfallen über die Manier, Kommas statt Punkte zu setzen, gelegt hatte (das hatte ich wohl von Beckett), war ich in der Lage, nahezu die gesamte Spanne meines Erwachsenenlebens zu überblicken - von zwanzig bis siebenundsechzig.

          Die schwangere Ratte, die hinter einer Fußleiste herumscharrt, war frei erfunden, aber das schöne, unnahbare Teenager-Mädchen, ihr jüngerer Bruder, die vor der Trennung stehenden Eltern, das kleine Fischerdorf und das dem Untergang geweihte Aalfang-Unternehmen waren alle für kurze Zeit Teil meines Lebens gewesen. Beim Lesen roch ich wieder den von den Gezeiten angeschwemmten Flussschlamm in jenem Hochsommer 1971. Die fünfundvierzig Jahre, die seitdem vergangen waren, schrumpften zu Nichts. Es liegt im Wesen der Literatur, dass sie in ewiger Gegenwart schwebt. Die scheinbar vergessene Vergangenheit schaut dem Leser über die Schulter und wartet nur darauf, ihn daran zu erinnern, dass das Leben wahrhaftig kurz ist und man aus dem, was uns davon noch bleibt, das Beste machen sollte.

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