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Andreas Obst : Mein Lieblingsmärchen

  • Aktualisiert am

Regenwald in Kamerun Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Schöpfer musizierte, und um ihn herum entstand die Welt. Doch plötzlich spielte Gott eine falsche Note. Daraus entstand der Mensch. „Afrika Sanza“, nacherzählt von Francis Bebey.

          1 Min.

          Wer als Fremder zum ersten Mal in der afrikanischen Wildnis aufwacht, im Zelt oder im Schlafsack unter freiem Himmel, wird sich an diesen Moment immer erinnern.

          Eben noch ist es so finster, daß man kaum die Hand vor Augen erkennt, da färbt sich der Horizont rot. Im Zwielicht nimmt das Land Gestalt an. Flußpferde grunzen, Elefanten trompeten, der Chor der Vögel sammelt sich. Im ständigen Crescendo tönt das Konzert der Tiere: eine monumentale Symphonie des Werdens. Sie verstummt jäh, kaum daß die Sonne aufgegangen ist. In die Stille dringt die Erkenntnis: Für diese Schöpfung wird der Mensch nicht benötigt.

          Erste und letzte Dinge

          Kaum vorstellbar, daß sich der Schöpfer einmal langweilte. Doch so erzählt es ein Märchen in der Sprache der Bantu, deren Völker im Süden und in der Mitte des Kontinents siedeln. Francis Bebey, vor fünf Jahren gestorbener Dichter und Sänger aus Kamerun, erzählt das Märchen als „Afrika Sanza“ neu - so, wie man in Afrika gerne erzählt. Ganz hier und jetzt, auch wenn es, wie gewöhnlich in afrikanischen Märchen, um erste und letzte Dinge geht: „Mach beide Ohren gut auf. Die Geschichte fängt an.“

          Der Schöpfer also langweilte sich entsetzlich. Doch dann kratzte er sich am Kopf und weckte so die Phantasie. Die Phantasie riet ihm, eine Sanza zu bauen, das Daumenklavier, eines der ältesten Instrumente Afrikas. Der Schöpfer tat wie geheißen und begann zu spielen. Und wie er so musizierte, achtete er nicht darauf, was um ihn herum geschah. Daß aus jeder Note ein Stück der Welt entstand: Sonne und Mond, Dorf und Land. Flüsse, Gebirge, Wüsten. Löwe, Elefant und Affe, Fische und Insekten. Doch plötzlich spielte Gott nach all den wunderbaren Tönen eine falsche Note. Daraus entstand der Mensch.

          Mit dieser Pointe könnte das Märchen philosophisch enden. Doch afrikanische Geschichten kennen viele Enden. Auf den ersten Mann, den Gott schuf, folgte die erste Frau. Dann folgten Millionen Kinder in allen Hautfarben: weiß, schwarz, gelb, rot, blau und grün. Violett gestreift und gepunktet. Und deshalb, so erklimmt das Märchen wie selbstverständlich eine neue Selbstbewußtseinsstufe - deshalb kümmern sich die Bantu nie um die Hautfarbe der Fremden, die zu ihnen zu Besuch kommen. Weil doch alle Menschen aus der gleichen Sanza stammen. Und weil ein afrikanisches Märchen, am wärmenden Feuer erzählt, in einer Nacht in der Wildnis, einen richtigen Schluß braucht, heißt es schließlich: „Die Geschichte ist zu Ende.“ Und es beginnt ein neuer Tag der Schöpfung.

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